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Alltag Alltag in China (Peking - Shihezi, Xinjiang)

Medien

CHINA | Saturday, 24 December 2011 | Views [328]

Nicht dass ich hier hinter dem Mond lebte, ich weiss, was auf der grossen weiten Welt so vor sich geht, und selbst wenn in Baselland irgendwo eine Scheune brennt, entgeht mir das nicht. Ebenso wenig, dass vor fünf Tagen der grosse Führer Kim Jong-il, die Sonne bzw. Sonnenbrille der Menschheit gestorben ist. Und während sich einer seiner Söhne anschickt, in die Fussstapfen seines Vaters zu treten, stelle ich mir manchmal vor, meine 10 Monate als DaF-Lehrer statt in Xinjiang in Pjöngjang verbracht zu haben.

Auf swissinfo.ch berichtete neulich ein Schweizer Journalist von einem Nordkoreabesuch. In dieser Reportage war u. a. davon die Rede, dass Ausländer bei der Einreise ihr Mobiltelefon abgeben müssen, dass es in Nordkorea kein Internet gibt und dass – aber das hat mit Medien eigentlich nichts zu tun – selbst in der Hauptstadt Pjöngjang ewige Dunkelheit herrscht. Die offenbar nur begrenzt zur Verfügung stehende Elektrizität wird, so der Autor, abends und nachts vornehmlich zur Beleuchtung der zahlreichen Statuen von Kim Jong-il benutzt.

«Wie gut ich es hier doch habe», dachte ich da, in Shihezi, Xinjiang, in einer Provinz, wo zwar ab Juli 2009 ein Jahr lang das Internet tot war, seither jedoch Bits und Bytes beinahe ungehindert und in alle Richtungen durch die Breitbänder rauschen, dass es eine Freude ist (und wo die Strassen, Plätze und vor allem Geschäfte, nebenbei bemerkt, ausreichend beleuchtet werden, nur die derzeit spiegelglatten Bürgersteige und Radwege liegen nächtens in beinahe vollständiger Finsternis.).

Zu meiner täglichen Routine gehört es, vom Sofa aus einen Blick auf die Internetseiten schweizerischer und deutscher Zeitungen zu werfen oder auch mal «China Daily» zu besuchen, aber das eher selten. Ich könnte nicht sagen, dass ich in Sachen Information etwas vermisse (es sei denn, die Möglichkeit, mit einer raschelnden und nach Zeitung riechenden NZZ, WOZ, TAZ oder FAZ in einem Café zu sitzen und auf diese Weise (statt im www) die Zeit zu verplempern.

Ich sagte eben «beinahe ungehindert» und das nicht ohne Grund. Muss man als Internetnutzer in China doch auf Facebook, Twitter, Youtube und so gut wie alle Blogs verzichten. Auch landet man nach der Eingabe von Suchwörtern wie «Dalai Lama», «Tiananmen» «Liu Xiaobo» usw. zuverlässig im Niemandsland («Fehler: Verbindung unterbrochen») oder kriegt zwar eine Trefferliste, aber kein Link funktioniert. Was soll’s, man kann auch prima ohne Facebook leben und die Suchmaschinenzensur wird erst dann richtig ärgerlich, wenn man es sich nach der wiederholten Eingabe von heiklen Begriffen bis auf Weiteres ganz verscherzt hat. Dann kann man nämlich auch «Gänseblümchen» googeln und kriegt doch keine Ergebnisse mehr. Strafe muss sein.

Um noch einmal auf Nordkorea und den Umstand, dass es dort kein Internet gibt zurückzukommen. Vor ein paar Jahrzehnten war in dieser Hinsicht ja überall Nordkorea. Wenn ich mir vorstelle, dass ich um 1990 während einiger Monate in Xinjiang gearbeitet und keinen Zugang zu Zeitungen, Zeitschriften und anderen Infokanälen gehabt hätte, auch keine Filme hätte herunterladen können, keine Bilder verschicken und vor allem keine E-Mails empfangen und senden, dass ich also auf den normalen Postweg angewiesen gewesen wäre, wochenlang hätte auf Sendungen warten müssen, überdies meine Fotos nicht nach jeder Aufnahme auf einem Display gehabt hätte, sondern in einer umständlichen Prozedur hätte entwickeln und vergrössern lassen müssen – kurzum, wenn ich mir all meine Kommunikations-, Informations-, Illustrations- und Zerstreuungsdefizite vorstelle, an denen ich vor 20 Jahren in Shihezi gelitten hätte … … … werde ich ob dieser verpassten Chance etwas traurig; nicht aus Lust am Leiden, sondern um des Verlusts an Erfahrungstiefe, Kontemplation und Sinnlichkeit willen, den all die digitalen Annehmlichkeiten eben auch beinhalten. Man kommt heute ja kaum noch dazu, seinem inneren Nordkorea zu begegnen.

 

 

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