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    <title>Indonesia</title>
    <description>Indonesia</description>
    <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/</link>
    <pubDate>Fri, 3 Apr 2026 20:38:52 GMT</pubDate>
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    <item>
      <title>24. Dezember 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;&lt;a name="OLE_LINK1"&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Alles voller Ziegen. Angebunden am Straßenrand oder auf Motorrädern zusammengeklappt durch die Gegend und zur Moschee gekurvt. Dort werden sie von Kindern mit Kräuterbüscheln gefüttert, und dort finden sie auch ihr Ende am 19. oder 20. oder 21. Dezember. Idul Adha ist da, der islamische Feiertag, an dem Ibrahims (Abraham) Beinahe-Schlachtung von Ismail (Isaak) gedacht wird. Zur Feier der göttlichen Verhinderung dieser Tat werden Ziegen und Kühe gespendet, die in den Moscheen rituell geschlachtet und an Bedürftige verteilt werden. Die Istiqlal Moschee gibt Donnerstagmorgen zufrieden bekannt, sie habe schon 16 Kühe und 26 Ziegen erhalten und erwarte bis zum Ende des Tages weitere 100 Ziegen vom United Islamic Cultural Centre of Indonesia. &lt;/font&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Ein bisschen sehnsüchtig laufen wir durch die Stadt, Sergio und ich, wollen irgendwie teilhaben am Feiertag, wollen etwas sehen, ohne zu wissen, was genau und wo genau. Aus einem Roman erinnere ich sprudelndes Blut auf den Straßen Teherans, und Ziegen denen von geübten Fingern und Messern die Kehle durchgeschnitten wird; das andere und fremde Heilige sehen wollen und wie es zelebriert wird. Vor den armen kleinen Moscheen des &lt;i&gt;kampongs&lt;/i&gt; zu Füßen unserer Hochhaussiedlung, deren blinkenden und blechernen Türmchen sich nichtsdestotrotz jeden Morgen um vier ein markerschütterndes Allahu akbahr entringt, liegen auf Persenningen ausgebreitet kleine Fleischklumpen. Sie sind gleich groß und liegen in regelmäßigen Abständen voneinander; ein Brettspiel aus Fleisch, das nach und nach in kleine schwarze Plastiktüten verpackt wird. Wir fahren zur Istiqlal Moschee im Zentrum Jakartas, der größten Moschee Südostasiens. Die Straßen sind leerer als sonst, seit Wochen Regenwolken schwer über der Stadt. Auch vor und in der Moschee, in der am Morgen noch 200.000 Leute zum Gebet versammelt waren, tut sich nicht viel. Ein paar der angekündigten Kühe grasen nichts Böses ahnend vor sich hin, vor uns türmt sich die Moschee hässlich wie ein sowjetischer Bunker auf und kündigt die folgende Enttäuschung schon an. Denn auch wenn wir freundlich von verschiedenen barfüßigen Männern, die uns wie ein Staffelholz übergeben, durch nichts sagende marmorstelerne Gänge geführt werden, dürfen wir uns den Hauptraum der Moschee nur von der Balustrade aus ansehen, „only for muslim“. Nachdem Moscheenbesuche im Nahen Osten zu den zärtlichsten Reiseerinnerungen überhaupt gehören, die vielen Mädchen und Bonbons in Syrien, Sonjas und mein Nickerchen inmitten der weichen Teppiche der Ibn Tulun Moschee hoch über Kairo, will ich es nicht glauben. Das Gesicht des Führers bleibt ungerührt, „if you are muslim, please“. Ernüchtert treten wir zurück, rausgekickt, nicht mitspielen dürfen. Ein kleiner Trost ist der Pförtner, bei dem wir uns mitsamt unserer Religion ins Gästebuch eintragen sollen. Er fällt Sergio aufgrund seiner Nationalität fast um den Hals, holt sofort seine Fußballzeitung raus und zeigt glücklich alle Seiten vor, für die das indonesische Sportblatt eine Lizenz der Gazetto dello Sport erworben hat. Er ist ein bisschen enttäuscht, als der ihm so unverhofft geschenkte Italiener wie üblich außer „yes, AS Roma“ und „yes, Totti“ nichts beitragen kann und liefert dennoch ein Gefühl des Willkommenseins nach, das die Moschee verweigert hatte.&lt;/font&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Gemeinsam mit Idul Adha werden auf den Lichtergirrlanden in den Straßen Weihnachten und Sylvester schon mal mitbegrüßt und mitgefeiert: „Selamat Idul Adha, selamat natal dan tahun baru 2008“. Menschen, die ich nur einmal getroffen habe, ob muslimischen oder christlichen Glaubens, schicken SMS mit Sternen und Zweigen und wünschen alles Gute. Wir hingegen beschließen, das Weitwegsein auszunutzen und es dieses Jahr ausnahmsweise locker angehen zu lassen. Keine Kerzen, keine Karten, keine Kekse, keine Kalender, Weihnachtsmorgen in der Sonne auf dem Balkon und die Weihnachtsnacht vertanzt. &lt;/font&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Vera und Valentina, zwei italienische Streicherinnen des Luxushotels Senayan Mulia, wollen uns die Jakartaer Nacht zeigen. Zu viert spielen sie jeden Nachmittag von vier bis acht in schulterfreien Kleidern in der Lobby. Ein bisschen Tschaikowsky, ein bisschen Mozart, ein bisschen O sole mio, auf Befehl des Managements seit ein paar Tagen auch Jingle Bells. Nach acht Monaten Engagement hat noch nicht ein Gast etwas zur Musik gesagt, aber sie wohnen in den gleichen Suiten und dürfen die gleichen Swimmingpools und auch das Buffet mit der Schokoladenfontäne mitbenutzen. So führen sie uns auch zuerst in den hauseigenen Club des Hotels, der zum Zeichen des Luxus auf nahezu unerträgliche Temperatur heruntergekühlt ist. Das scheint die hier versammelten wunderschönen Asiatinnen nicht zu stören. In Neid erregenden Miniröcken und hals-, schulter- und rückenfreien Oberteilen beweisen sie sich gegen die Kälte, liegen halb über den den Raum dominierenden glühenden Marmortresen, auf denen Champagnerkühler und Jack Daniels Flaschen stehen. Wie teuer alle aussehen. Auf der Bühne tobt eine Art Boygroup-Programm, allerdings haben sie eine Leadsängerin, die in einen rotweißen Weihnachtsfummel gezwängt ist und ihre Mähne wie Shakira schüttelt. Vera brüllt mir die Biographien der einzelnen Bandmitglieder ins Ohr, die hier, wie die Streicherinnen am Nachmittag in der Lobby, jeden Abend das gleiche Programm durchziehen müssen. Ihr Erfolgsgeheimnis liegt in der aggressiven Energie, die sie unaufhörlich über die Rampe in den Raum peitschen. Große weiße Männer mit ungelenken Oberkörpern und Asiaten in dunklen Hemden umwerben dabei tanzend Frauen, die, so stelle ich mir vor, morgen früh alle mindestens eine zarte Cartier-Armbanduhr unterm Kopfkissen liegen haben, for you, darling. &lt;/font&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Im Taxi fahren wir nach Glodok, in den Norden der Stadt, zum Stadium. Vor dem Eingang eine ganze Horde Türsteher und Bettler. Ausgestreckte kleine braune Hände, die dazugehörenden Füße stehen nackt in den Regenpfützen, aus miserablen Bauchläden werden Zigaretten und Feuerzeuge angeboten. Dieselben Zigaretten und Feuerzeuge liegen später auf den VIP-Tischen hoch über der Tanzfläche, über welcher ein riesiges Einhorn ins Nichts der roten und grünen Laserlichtspiele und die Schallwellen der Housemusik fliegt. Nur eine Disko. Auch hier Frauen mit nichts als engen Hemden und hohen Stiefeln bekleidet, die von Schoß zu Schoß der VIP-Tisch-Angehörigen, keiner älter als 25, weitergereicht werden. Sie klammern sich an die Balustrade und schütteln die Köpfe im Takt der Musik. Ein Stockwerk, mit Separees auf denen zwar Karaoke steht, die sich aber, als wir eine Tür öffnen können, nicht nur mit riesigen Fernsehern, sondern auch mit ebensolchen Betten ausgestattet finden. Nur ein mäßig kaschiertes Bordell. In einem weiteren Raum rast eine diesmal als Girlies dekorierte Band, aus einem anderen schauen vier in Altrosa gekleidete Indonesierinnen, alle halten in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ein Skatblatt. Nachtgestalten. &lt;/font&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;&lt;span&gt;Ein anderes Taxi, ein anderer Stadtteil, ein anderer Eingang. Andere Bettler, die insistieren, dass die aus und in die Taxis Steigenden ihrer gedenken. Three horses, die Diskothek der arabischen Kaufmannschaft. Auf der Tanzflaeche forciert einer davon seine Zentner in Richtung meines Körpers. Als Sergio ihm mit einer Handbewegung höflich anzudeuten versucht, dass das eher nicht angebracht sei, breitet der Dicke die Arme aus, umklammert Sergio, hebt ihn in die Luft und küsst ihn ab. Damit ist das erledigt, aber die Frauen werden immer mehr. Diesmal eindeutig: Weibliches Fleisch auf der Tanzfläche, das hier erst umtanzt und betastet und dann weitergegeben wird, bis, ich verstehe nicht wie, der Deal abgeschlossen ist. Ich sehe eines der Mädchen ankommen, jung, schön, tot im Gesicht, es dauert vier Männer, dann ist sie bei ihrer Bestimmung des heutigen Abends angekommen. Eine andere streicht mir übers Kinn, lieblich, mütterlich, come dance. Die Tanzfläche auf der die arabischen Männer so ausgelassen miteinander tanzen, wie nur arabische Männer miteinander tanzen können, ist klein im Verhältnis zum Rest des stockdunklen Raumes, wo im Halbschatten halbseidene Dinge vor sich zu gehen scheinen. Ist das ein Blowjob oder ist sie bloß auf dem Schoß ihres Partners kollabiert. Im Auto werden Vera und Valentina sich spaeter in Maedchenart darueber auslassen, wie wuest es dort immer hergehe und dass man mit den Arabern aufpassen muesse. Dabei sind es, das haben die paar Monate in der Expatgemeinde schon deutlich gemacht, ja gar nicht die Araber. Es ist vielmehr die abendliche Entfesselung einer Enklave, die gleichzeitig verwirrt und genussvoll das Weitwegsein von den Regeln des eigenen Stamms zelebriert. Und mir faellt zusammenhangslos oder nicht ein, wie die Damen von der deutschen Exilantenorganisation erzaehlten, dass die Neuankoemmlinge am Anfang immer Probleme mit den Dienstboten haetten, weil sie nicht wuessten, wie sie mit ihnen umgehen sollten. Und wie selbstverstaendlich mir dann am Ende des Interviews eine von ihnen ihren Fahrer angeboten hatte, der draussen in der Sonne auf unbestimmte Zeit auf seinen naechsten Befehl wartete. Die billige menschliche Arbeitskraft ist zu etwas Selbtsverstaendlichem geworden, es stellt sich nicht mehr die Frage, ob man das zuhause auch so machen wuerde, sondern alles wird nur eine Frage der Gewoehnung.  Das Weitwegsein von den Regeln des eigenen Stamms. &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;&lt;span&gt;Als schließlich im arabischen Club noch eine Schlägerei ausbricht und in den aufflammenden Neonlichtern alle demaskiert, halbnackt oder mit Blut in sich lichtenden Stirnen einander anstieren, befinden wir das Weihnachtskontingent fuer erfüllt. &lt;/span&gt;Fahrt durch die gelbgrau heller werdende Stadt nach Hause.&lt;span&gt; &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/13370/Indonesia/24-Dezember-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Wed, 26 Dec 2007 02:05:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>16. Dezember 2007</title>
      <description>

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Schon sechs Paar Schuhe ruiniert.
Schuhe mit losgetretenen Riemen und losgetretenen Sohlen und abgebrochenen
Absätzen, in die das braune Wasser der Regenzeitpfützen eintritt. Weder die
Lederschuhe aus Hamburg, noch die Sandalen aus Rom, noch die roten und silbernen
Schühchen aus Bandung, noch die Turnschuhe aus Singapur konnten die Kraftprobe
mit dem Jakartaer Pflaster bestehen. Abgewrackt allesamt, geben sie Zeugnis von
einem aufrichtigen Kampf. Aber nun wird gehumpelt, tapfer zwar, aber chancenlos.
Und&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;- die Metapher gleich ausnutzend – ähnlich
chancenlos ist gerade der immer neue Anlauf, die Geschichten des Landes zu
verstehen: beim Lesen der Bücher und beim Filmesehen. Wie lange es dauert, bis
man durch das Dickicht dessen, was man kennt, hindurch ist und anfangen kann,
vorsichtig mit dem Finger auf seine Fragen zu zeigen.&lt;/p&gt;





&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;Ich lese die Buru-Tetralogie von
Pramoedya Ananta Toer, des berühmtesten indonesischen Schriftstellers und
verstehe, neben vielem anderen, vor allem das Tempo der Erzählung nicht. Es
geht um den Eingeborenenjungen Minke, der um die Jahrhundertwende im Java der
holländischen Kolonialmacht seinen Weg als Journalist und Schriftsteller zu
machen sucht. Neben dem glücklich machenden Leseerlebnis, alle
Vorstellungskräfte anspannen zu müssen, um den japanischen Prostituierten, schwarzen
Kämpfern aus Madura, holländischen Backenbartbürokraten und barackenbeheimatete
Mischlingsfamilien einer fremden Welt und Zeit folgen zu können, rebelliert die
Lesegewohnheit zugleich gegen die enervierende Langsamkeit Minkes, des
Ich-Erzählers. Immer wieder kreist er um die gleichen Fragen, immer wieder hat
er die gleichen Zweifel, und manchmal ertappe ich mich bei einer
Korrekturleserinnendeformation und überlege, welche Sätze man streichen müsste,
damit die Erzählung nicht dauernd stecken bleibt. Das hast du dich alles schon
mehr als einmal gefragt, Minke, und wir wissen alle schon, dass du der Gute
bist,&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;also nu man los. Nur sehr
allmählich lassen sich diese immer wiederkehrenden, tastenden Sätze als langsamer
Gedankenkreisel ausmachen, auf dem, wie früher auf dem Disneykinderkreisel, die
Bilder von Minkes zukünftiger Entwicklung erscheinen und verschwinden und
erscheinen und dann erst die Geschichte weiterlaufen lassen. Ein
Bildungsroman im Rhythmus’ von drei Schritten vor, zwei Schritten zurück und
dann drei Mal im Kreis; jeden Tag muss ich mich neu auf dieses ganz fremde
Lesetempo einlassen.&lt;/p&gt;



&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;In Jakarta ist Internationales
Filmfestival, ich lese das Programm nicht richtig und lande in der
Mittagsvorstellung eines indonesischen Films ohne Untertitel. Jakarta
Undercover. Ein Nacht- und Großstadtfilm über eine Tabledancerin, die aus Zeit-
oder Babysitternot ihren kleinen Bruder in einem Nachtklub versteckt, wo er
Zeuge des Mordes an einer Prostituierten wird. Dreiviertel des Films sind die
Tabledancerin und der kleine Bruder auf der Flucht vor den drei Mördern, die in
einem schwarzen Benz die Jagd aufgenommen haben. Der Film ist schnell und gut
geschnitten, voller fantastischer Nachtbilder der glosenden Stadt, ich kann der
Geschichte ungefähr folgen und will nun Details deuten. Warum sind zum Beispiel
am Anfang im Nachtklub dauernd Zungen zu sehen. Die Tabledancerin leckt die
Stange ab, um die sie sich mehr oder weniger verführerisch gewickelt hat, und
auch die drei Bösen, die sich hier allmählich sexuell aufgeilen, lassen permanent
ihre Zunge über den Bildschirm fahren. Zeichen in einem Land, in dem sich in
der Öffentlichkeit nicht geküsst wird, für den moralischen Verfall? Oder
Imitation dessen, was im Westen so im Allgemeinen für erotisch gehalten wird?
Die Bösen fluchen auf Englisch, fuck, shit, fuck you, fucking shit man, hier
kann ich endlich sprachlich folgen. Ergo, das Böse spricht Englisch, oder gibt
es auf Bahasa Indonesian keinen äquivalenten Ausdruck für fuck you? Oder sollen
die drei, harte Kerle aus dem Geldadel, einfach als besonders cool dargestellt
werden? Und warum lacht das ganze Publikum aus vollem Hals, als am Anfang ein
Transvestit brutal zusammengeschlagen wird?&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Klar ist allerdings, dass von der
Polizei keine Hilfe zu erwarten ist. Als die Tänzerin, völlig erschöpft und
runter mit den Nerven mit dem kleinen Bruder unter dem erleuchteten Eingang
einer „Polisi“-Station ankommt, weigert sich der kleine Bruder, auch nur einen
Schritt weiter zu gehen. Stur stemmt er die Beine in den Boden bis die
Schwester aufgibt und sie ihre einsame Hetze wieder aufnehmen. Und als einer
der Bösen wegen zu schnellen Fahrens von der Polizei angehalten und aus dem Wagen
gebeten wird, jubelt das Publikum, als er sich mit der Hand an das rechte
Rücklicht tastet, eine Geldrolle hervorzieht und damit den Polizisten sogleich
zum Schweigen bringt. Zum Schluss werden die Geschwister nicht von der
Gesetzesmacht, sondern von den Medien gerettet. Die Tabledancerin kidnappt eine
Reporterin, vor laufender Kamera erzählt sie ihre Geschichte, die Bösen bleiben
im Stau stecken, der Übertragungswagen rast davon, sie ist im Fernsehen und gerettet. Ich bin erleichtert über das sich abschließend doch noch so komfortabel anbietende Deutungsmuster; unverdrossen mit roten und silbernen Plastikschühchen gegen fremdes Pflaster anrennend.&lt;br /&gt;
&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/12942/Indonesia/16-Dezember-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Mon, 17 Dec 2007 00:36:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>8. Dezember 2007</title>
      <description>

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Rita ist eine
der vornehmen indonesischen Damen der besseren Gesellschaft. Mit getönten
Brillengläsern, teuer frisierten Haaren und einem hochgeschlossenen Batikkostüm
sitzt sie hinter einem deutschen Weihnachtsdekorationshirsch. Deutsch und Englisch gehen ihr, als ehemaliger Stewardess der
PanAm, manchmal durcheinander und doch, das höre ich wie immer erst später,
liegt auch hier ein Teil der Geschichte. &lt;span&gt;Rita setzt sich in Pose: “When I was in Germany many years ago, I lived
in a very small village. &lt;/span&gt;In Buxtehude. Very small village. Da hab ich zu
meinem Mann gesagt, also entweder ich gehe nach Hause oder ich lass’ mich
scheiden. Because I wa&lt;span&gt;s
stewardess for so many years and suddenly I was there. I didn’t know anybody
and nobody could speak English. And if they saw me on the streets, they always
say: ‘Negerlein, Negerlein’, ja! I am not Negerlein, I said, I come from
Indonesia.”&lt;o:p /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;span&gt;“It was very difficult in the
beginning”, sagt Rita, “here we have our servants, and there I had to do everything.
I was so exhausted. And then, you know, I am a person that always – I am not a
person that feels sad very quickly. I said, no, I must join something! I join
the Turnverein! With all diese riesigen Frauen, alle dreimal so groß wie ich,
and I am the only brown one. And they put me always in front. In &lt;/span&gt;Buxtehude
everybody knew me. Und die grüßen alle mit mir, sogar bei Metzgerei: ‚Na du,
bist du wieder da??’ &lt;span&gt;As you
know, the Indonesian people, they have a speciality that is Pansen. &lt;/span&gt;The
Metzger said, ‘Bei uns gibt man Pansen zu den Katzen’. But bei uns not. Und
wenn ich komme, dann sagt der Metzger: ‚Na, du, willst du wieder Pansen? Ich
mach’ das extra sauber für dich!’ Ja, das mach du mal, sag’ ich, hast du ganz
viele Stunden wegen mir zum Totlachen. &lt;span&gt;Also, ich war so bekannt, I always said I am living in a Vogelkäfig. But
you have to be like that. If you always stick together, then you have no
friend. My daughter is married in Munich, to the son of Schreiber, she knows
everybody and she gets along with everybody, so there is no problem at all,
actually. If you know how to get along with the Germans, then it is ok, I
think. But you have to know, ja. If you are afraid of them, you will never get
forward.” &lt;o:p /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Gekommen auf
der investigativen Spur der deutschen Gemeinde in Indonesien sitze ich im
Stadtteil Kemang zwischen sieben Frauen der deutschen Exilantenorganisation und höre ihre Geschichten an. Hausbesuch bei den Hausmütterchen, hatte
ich, die rasende Reporterin ohne Geld und Status, gedacht, von ihren Männern
mitgeschleift und nun auf der Suche nach Beschäftigung. Forsch Hände schüttelnd
war ich ins weihnachtlich präparierte Wohnzimmer gekommen, eine der riesigen europäischen
Luxushallen in Jakarta, hatte mich an den mit Keksen und Rehen aufgerüsteten
Glastisch gesetzt, Block rausgeholt, Namen aufgenommen, Aufnahmegerät
angeschaltet, können wir das ganze auf Englisch machen, dann ist es für mich später
leichter, erzählen Sie doch mal, was Sie so machen. Langsam hatten sie
angefangen zu erzählen, von ihren Sozialprojekten mit behinderten Kindern, vom
Weihnachtsbasar und den 40 Kilo selbstgebackener Kekse, von ihren Kaffeenachmittagen
für Neuankömmlinge. So hatte ich mir das vorgestellt. Doch nach und nach kommen
ihre Geschichten. Immer wieder unterbrechen sie sich, sprechen natürlich nicht
mehr Englisch, lachen, reden durcheinander, widersprechen sich, fallen sich ins
Wort, ich denke an mein Aufnahmegerät, auf dem man nachher nichts mehr
verstehen wird. Und denke dann nicht mehr an mein Aufnahmegerät, weiß, dass das
alles längst nicht mehr für die Zeitung ist. Sieben Frauen zwischen 50 und 60,
die von ihren Enttäuschungen und Hoffnungen erzählen. Magda, die nach 50 Jahren
im selben Dorf im Sauerland zum ersten Mal ins Ausland gekommen ist und
verlernt zu haben glaubte, wie man neue Freundschaften schließt. Elke, die
überall schon gelebt hat und sagt, beim ersten Mal würde man alles mitmachen
und ansehen und mit allen befreundet sein wollen, aber nun wisse sie, wenn sie
irgendwo hin käme: ich will das und das haben und ich bekomme das, dafür
brauche ich die Sprache nicht. Seit zehn Jahren sei sie hier und immer noch
nicht angekommen. Alle sind froh über die Organisation, die ihnen hilft, ihre
Tage zu füllen. &lt;/p&gt;



&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;„Und ich
streite nicht mit meinem Mann“, sagt Magda. „Stellen Sie sich vor, ich würde
hier alleine sitzen, ohne die Gruppe. Der geht morgens um sechs und kommt
abends um sieben. Und deshalb muss ich sagen, find ich’s so toll. Er kommt nach
Hause, er fragt mich, was hast du getan, ich kann sagen, ich hab dies und dies
und dies und dies. Ich brauch nicht sagen, ich war im Liegestuhl und hab mich
gesonnt. Wobei es ihm auch egal wäre. Aber: ich brauch’ nicht soviel reden. Ich
brauch nicht soviel – wenn er kommt, wir können essen, bisschen uns
unterhalten, weil ich einen Ausgleich hab im Leben.“&lt;br /&gt;Meine drei Aufnahmekassetten
sind inzwischen vielfach überspielt, eine Ton- und Geschichtenspur über der
anderen, Stimmen, Sprachen, Situationen, jedes Mal denke ich, dass ich dieses
Gespräch nun aufheben will. Jedes Mal ist es eigenartig und schön, sich ein
Gespräch noch einmal anzuhören, zu hören, wo der andere noch einmal neu
ansetzt, wo die Stimme leiser wird, wo ein Satz plötzlich nicht mehr
weitergeht, ein Lachen, Stimmen, Geräusche im Hintergrund. Zu hören, wo man zu
schnell nachgefragt, den anderen unterbrochen hat, wo der gerade noch etwas
sagen wollte, sich die Worte im Sekundenbruchteil überlagern und das Gespräch dann
eine andere Wendung nimmt. Ich höre die Fehler, das Stocken, als ich die
schüchternen jungen Mitglieder der Umweltschutzorganisation Jakalahari
interviewe, die Ungeduld in meiner Stimme, sie endlich zu einer druckreifen
Aussage zu kriegen. Höre die agile Stimme von Bambang Harimurty, des mit allen
Wassern gewaschenen Chefredakteurs der Wochenzeitung TEMPO, der mich, kaum
hatte ich mein Aufnahmegerät angestellt, munter mit Fragen zu Merkel und den
deutschen Wirtschaftsverhältnissen zu traktieren begann und die politische
Entwicklung in Deutschland diskutieren wollte. Ich höre das Rascheln der hundert
Jahre alten Metropolitan-Magazine, die Stephen, der britische
Joseph-Conrad-Forscher, auf dem Gartentisch ausgebreitet hat, wie er glücklich
„look here, isn’t that fantastic“ sagt, und ich mich noch erinnern kann, dass
es sich um eine besonders kitschige Illustration zum ‚Pflanzer von Malata’
handelte. &lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Und ich höre,
wie der scheidende Leiter des italienischen Kulturinstituts mit seinem Englisch
kämpft, immer wieder „contribution“ und „collaboration“ sagt, bis ich denke, dass sich mit diesem politisch korrekten Pressemeldungsvokabular für ein
Abschiedsporträt nichts anfangen lässt. Plötzlich unterbricht er sich und
spricht auf Italienisch weiter, weil ihm, wie er sagt, ganz wichtig sei, dass
ich ihn hier richtig verstehen würde. Dann reißt er sich zusammen und versucht es
noch einmal auf Englisch. Es wird seine Abschiedsrede an Indonesien. Ganz
langsam kommen seine Worte, mit starkem Akzent, langen Pausen dazwischen und
einer Intensität, die mir, als ich es mir zwei und drei Mal anhöre, die Tränen in
die Augen steigen lässt:&lt;span&gt;   &lt;/span&gt;“They are so very
nice people. &lt;span&gt;I learned a great
lesson in Indonesia: of civilization. I like their style when they discuss
about an event. Their harmony, they taught me not to be aggressive as we
Europeans are. They are kind. They take time to introduce their arguments,
believing and insisting with determination, but silently, kindly, respectful.
And not giving you the impression that they are upset, if you cannot do it.
They don’t judge you, they don’t critize you, they like to see where it is
possible to do something together and they are proud if you can collaborate
with them on their proposal. Today I am more patient than before. And sometimes
I tell myself, don’t decide now, give it some time, something I was not able to
do before I arrived here. People here are more free in their minds than I ever was.”
&lt;o:p /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;span&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/12713/Indonesia/8-Dezember-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Sun, 9 Dec 2007 15:43:00 GMT</pubDate>
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    <item>
      <title>2. Dezember 2007</title>
      <description>

&lt;p class="MsoNormal"&gt;In einem Magazin las ich vor paar
Wochen von einem britischen Anthropologen, Lawrence Blair, der von seinen
Landsleuten sagte: „das ist mein Clan, und ich verstehe sie“. In Ermangelung
anthropologischen Vokabulars, hatte ich das für humorig gehalten, bis ich es
mit der deutschen Botschaft zu tun bekam. Nach Sperren und
Unterschriftprozeduren, Waffenkontrolle, Abgabe von Pass und Handy, sitze ich schließlich
dem Botschafter und seiner Pressefrau gegenüber und weiß auf einmal, was er
meint. Vielleicht wäre das Gefühl nicht so stark gewesen, wenn nicht mein
indischer Chef vom Auslandsdepartment dabei gewesen wäre, der eine
Viertelstunde zu spät hereingestürzt kam, von uns drei Deutschen missmutig
betrachtet. Vor jedem Satz sagt er „Your Excellency“, während ich – instinktiv?
den Regeln meines Clans zufolge? schlechtes Benehmen? - &lt;span&gt; &lt;/span&gt;auf jede Anrede verzichte, und
nichtsdestotrotz oder vielleicht gerade weil wir Englisch sprechen, komme ich
nicht gegen das Gefühl an, dass wir uns kennen, der Botschafter, seine Pressefrau
und ich. Im Geheimen sprechen wir deutsch. Im Geheimen befinden wir uns in
einer Art Herausforderungssituation, vielleicht weil die Hierarchieverhältnisse
nicht so klar sind, wie sie es in Deutschland wären. Im Geheimen können wir uns
wahrscheinlich auch nicht leiden, dennoch bekomme ich am nächsten Tag eine
Einladungskarte mit Bundesadler in die Redaktion geschickt, auf der der Baron
und die Freifrau mich und meinen Partner zum Weihnachtsempfang bitten, uAwg.
Ich verstehe die Regeln also doch nicht. Was soll das denn, frage ich den Italiener,
die mochten mich nicht und haben sofort geschnallt, dass ich ein ganz kleines
Licht bin. Ist doch klar, sagt Sergio, die wollen dich im Auge behalten,
„guardare un po’ cosa stanno facendo i loro polli.“ Das wird offensichtlich,
als ich im Anschluss an das Interview nicht nur ein Porträt des Botschafters,
sondern auch einen Artikel über die bilateralen Beziehungen zwischen
Deutschland und Indonesien zu schreiben versuche. Die Deutschen wollen den
Artikel sehen. Die Deutschen fangen an, darin herumzukorrigieren, meinen
Satzbau, meine Aussagen, die Zitate des Botschafters, bis mein Chef sagt, ok,
then we are not going to publish it, we are not making propaganda for Germany.
Ich übe mich also im Armdrücken mit der Pressefrau, sage einen deutschen Satz,
den ich immer schon mal sagen wollte – „Sie machen Ihren Job, ich mache meinen“
&lt;span&gt; &lt;/span&gt;- und werde das Gefühl nicht los, dass
alles einfacher wäre, wenn wir nicht dem gleichen Clan angehören und im
Geheimen verstehen würden, wie der andere tickt. &lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Der Weihnachtsmarkt einer
deutschen Exilantenorganisation hingegen stellt die umgekehrte Erfahrung
bereit, den eigenen Clan plötzlich mit den Augen des Fremden zu sehen. Am
feinen Hotel Aryaduta ankommend, in dessen erster Etage der Weihnachtsmarkt
sich über mehrere goldplissierte Räume erstreckt, wird mir bewusst, seit
Monaten keine Deutschen mehr gesehen zu haben. Überrascht setze ich mich
erstmal auf die Eingangstreppen, sehe sie mir an und mache Notizen. Allein die
physiognomische Zugehörigkeit kommt als ein Schock daher, der Wiedererkennungseffekt,
ganz ohne das Dicke, Weiße und Rote der Tourismusklischees, hier ist eine
andere Schicht am Start. Eine Schicht, die genau genommen die Regeln der
indonesischen Middleclass übernommen hat: silbrige Toyotavans kommen
vorgefahren, die deutschen Familien steigen mit ihrer indonesischen Nanny aus,
und nicht mal das kann ich ihnen als kolonialistisches Gehabe ankreiden, weil
jede nur einigermaßen besser gestellte indonesische Familie solche Nannys hat. Auf
dem Weihnachtsmarkt verzogene Bratzen, die durch die Gänge des Luxushotels
rasen, der Satz eines vorbeitobenden Elfjährigen bleibt haften: „I know this
place, there’s another door over here“. Sie wechseln unbewusst zwischen
Deutsch, Englisch und Französisch, haben weiße Hemden an und ihre internationalen
Freunde mitgebracht; wie wachsen sie auf, diese Kinder meines Clans. Frauen,
die rauchen. Deutsches Marzipan, deutsche Weihnachtskekse, deutsche Preise und
Adventskränze und tatsächlich der Geruch von Bratwurst und Glühwein. Im großen
Saal mit langen Holzbänken und Weihnachtsmarktdias aus Leipzig oder Dresden an
der Wand bleibe ich einen Moment stehen: auch die Form des Zusammenseins ist
eine andere, es ist laut, es herrscht Bierzelt, freundlich, zivilisiert, aber
dennoch eine Geselligkeit, von der ich auf einmal nicht erklären könnte, wie
sie eigentlich funktioniert. &lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/12485/Indonesia/2-Dezember-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Sun, 2 Dec 2007 22:49:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>25. November 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;
Es ist immer noch eine schreckliche Stadt. Immer noch bestätigen sich Indonesier, Europäer und Australier mit geneigten Köpfen und verständnisinnigen Lächeln bei jeder Konversationsgelegenheit, dass es nirgendwo anders so übel sein könne wie im in alle Himmelsrichtungen sich fräsenden 20 Millionen Moloch Jakarta. Und dennoch legt sich ganz langsam noch ein anderer Eindruck über den der verstopften und verpesteten Straßen mit den brennenden Müllhaufen, den Fallgruben und langsam wandernden Kakerlaken. Und das ist die unerschöpfliche Energie derer, die hier leben. Diese Energie kommt überall zum Ausdruck in der von Hitze und Staub kochenden und in der Dunkelheit wie wahnsinnig leuchtenden Stadt, am meisten aber vielleicht in den Körpern der jungen und nicht mehr so jungen Männer, die hier Tag und Nacht arbeiten. &lt;/p&gt;&lt;p&gt;An den riesigen Straßen rennen sie entlang mit ihren kleinen Buden auf zwei Rädern, in denen die Gerätschaften für gebratene Tofustückchen oder Obsttütchen oder Nudelsuppe festgeklemmt und mit wenigen Handgriffen auf- und abzubauen sind, dort, wo es vielleicht ein Geschäft zu machen gibt. Sie rennen mit nackten Beinen, gespannten Oberarmmuskeln und entschlossenen Gesichtsausdrücken und  schieben dabei ihre ganze mit wenigen Lämpchen erleuchtete Einquadratmeterexistenz vor sich her. Es ist nie zu sehen, wo diese Wägelchen herkommen und wohin sie verschwinden, überall stehen sie plötzlich und preisen mit roten und gelben Buchstaben auf den Scheiben ihre einzige Ware an. Und dann sieht man sie wieder in Bewegung, auf ihrem Zug durch die Stadt von morgens bis abends, angetrieben und in Schwung gehalten von der ganzen Kraft eines einzigen Mannes. 

&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Auch die Stadt selbst scheint jeden Tag wie von einer riesigen Kurbel immer weiter umgewälzt zu werden. Die drei Hotelportiers hatten sich bei Anblick der mühselig erworbenen Jakarta-Postkarten in die Seiten gestoßen, gegrinst und mitleidig „80er Jahre“ gesagt. Und natürlich ist von den schon damals zart verstört erscheinenden blauen Himmeln und gelbstichigen Gebäuden nichts mehr übrig. Gebaut wird nun an Hochhausburgen die sich Rasuna Epicentrum, The Grove oder Plaza Indonesia nennen und an deren verheißungsvoll im Wind sich blähenden Bauplanen Dinge stehen wie: Urban life is about to change. Behind this wall we will forgive you for thinking that life is a beach. Die hier beschäftigten Tausend kleinwüchsiger zarter Bauarbeiter kämen nicht auf die Idee, Life und Beach zu verwechseln. Aber die Bauhelme sitzen ihnen locker im Nacken, die Plastiksandalen locker an den Füßen und sie halten die Schweißgeräte, die Lenker ihrer Mofas und die Henkel ihrer Mittagstüten mit der gleichen Nonchalance Und dann schuften sie mit gekrümmten Körpern unter den Scheinwerfern großer Hebekräne bis tief in die Nacht. Ganze Stockwerke, so scheint es, entstehen und vergehen in vierundzwanzig Stunden, Gehsteige werden aufgerissen und neu verlegt, Mauern quer über die Straßen gebaut, abgebaut, umkonstruiert. Eines Morgens liegt ein verrostetes Federmesser auf dem Balkon, man kann nicht erkennen, wo es herkommen soll aus all dem Stahl und Stein. Vom Himmel gefallen während der unermüdlichen und unverdrossenen Anstrengung eines immer höher Hinaus.  

&lt;/p&gt;&lt;p&gt;Am schönsten aber sind die Buskontrolleure, die keine Buskontrolleure sind, sondern Cowboys der Schnell- und Ausfallstraßen. Auf die Busse muss man aufspringen. Die 17 in Richtung Cikini, die 20 die Jl. Rasuna Said hinunter oder die 46 die Gatot Subroto hinauf. Chinesischer Bauart und viele Jahrzehnte alt, wälzen sie sich heran und verlangsamen, wenn man das richtige Handzeichen gegeben hat, in der Mitte der Straße nur so gerade eben die Fahrt. In beiden offenen Türen stehen die Cowboys mit um den Kopf oder den Hals geschlungenen Handtüchern, eine oder zwei Zigaretten im Mundwinkel und ins Ohr gesteckten Geldstücken. An den Haltestangen des Busses hängend, kommen sie herangesegelt, ihre dreckigen T-Shirts flattern im Wind und mit dem Wind reißen sie auch die sich über die Straße Durchgekämpften in den Bus. Dann schmettern sie ihr „Lurus!“ wie einen Peitschenschlag und die Fahrt beschleunigt wieder. &lt;/p&gt;&lt;p&gt;„Lurus!“, geradeaus!, auf der zweiten Silbe betont und sowieso kaum prononciert, ein kehliges uuh-uh quer über vier Spuren hinweg und bis nach vorne zum Busfahrer, „Lurus!“ der Schlachtruf der Straße. Mit „Lurus!“ wird der Busfahrer angestachelt, der das Gaspedal durchtritt, mit „Lurus!“ sollen die anderen Autofahrer weggetrieben werden, „Lurus!“ deutet den Fahrgästen an, dass umgehend wieder volle Fahrt aufgenommen wird. Dann machen sie sich auf ihren Weg durch den Bus. In der einen Hand ein Geldbündel, in der anderen ein paar Münzen, Handtuch um den Kopf geschlungen, Zigarette im Mundwinkel. Reden tun sie nicht. Sie heben nur die Hand mit den Münzen und schütteln sie am Ohr der neu Eingestiegenen. Das ist das Zeichen, 2000 Rupien hervorzuziehen, die sie, immer noch wortlos, glätten und zu ihrem Geldbündel stecken. Sie schauen kaum auf und verlieren doch nie den Überblick, wer bezahlt hat, wer nicht. Mit den Schultern stoßen sie sich durchs Gewühl, lassen ihre Münzen scheppern und hängen dann wieder an den Stangen der Einganstüren: „Lurus!“ Manchmal gießen sie Flüssigkeiten in den Bauch des unter ohrenbetäubendem Lärm voran galoppierenden Busses, manchmal wechseln sie ein paar Worte mit dem Fahrer, dann werfen sie sich wieder auf die Straße. Dort rufen sie die Ziele der Busse in den Verkehr, manchmal klingt es auch nur wie ein Yippieh-hei-ho, während ihre Lassos durch die Nachtluft jagen. Wieder kämpfen sich ein paar Fahrgäste bis zum Bus durch, und sie stürzen aus den Türen, halten mit ein paar Bewegungen der Arme den Verkehr an, in einer Hand die Geldscheine, in der anderen die Münzen, Zigarette im Mundwinkel, zerrissene Jeans und Geldstücke im Ohr. Will man aussteigen, schlägt man entweder selbst mit der Faust gegen das Dach des Busses oder man winkt dem Cowboy und der nimmt eine seiner Münzen und schlägt ein kleines Klingklang an die Haltestange bis der Bus langsamer tobt und man selbst einmal tief Atem geholt und sich auf die Straße hat fallen lassen. Im roten Rücklichtermeer sieht man dann nur noch die gen Himmel gestreckten braunen Arme und das flatternde T-Shirt: „Lurus!“ 
&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/12197/Indonesia/25-November-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Mon, 26 Nov 2007 20:09:00 GMT</pubDate>
      <slash:comments>0</slash:comments>
    </item>
    <item>
      <title>16. November 2007</title>
      <description>

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Alejandro Iglesias Rossi ist
Dirigent des Indigenous Instruments and Modern Technology Orchestras, das die
Instrumente der Eingeborenenvölker Argentiniens wiederzubeleben bestrebt ist.
Auf der Bühne des Theater Luwas im Stadtteil Cikini toben sechzehn Musiker mit
Palmblättern, Eisenplatten und für den Laien nur schwer als Instrumente zu
identifizierenden Holzkonstruktionen. Ich versuche, in der Dunkelheit Notizen
zu machen und die Fragen zu repetitieren, die ich Herrn Rossi stellen will, der
gerade mit zwei Rasseln eine Art Derwischtanz zur Anschauung bringt. Und
überlege einmal mehr, ob das nun der Fluch oder die Faszination des Berufs ist,
den ich gerade ausprobiere. Von einem Moment auf den anderen mit Dingen und
Menschen konfrontiert zu sein, von denen man nicht nur nicht gedacht hätte,
dass man mit ihnen zu tun bekäme, sondern deren Existenz man zwei Stunden zuvor
noch nicht einmal geahnt hätte. Always be prepared, there is nothing more
embarrassing than not to be prepared hat Bruce gesagt, der Herausgeber des
Wochenendmagazins der Jakarta Post, den ich ein paar Tage zuvor interviewt
hatte. Dabei schob er sich zufrieden ein großes Eigelb von der Frühstücksbar
des Hotels Aniston in den Mund. Aber er, der alle A- und B-Prominenz interviewt
hat, die des indonesischen Weges gekommen ist, und den ich frage, wie man ein
gutes Interview führt, sagt auch, dass man sich dem Gespräch überlassen soll,
kleb nicht zu sehr an deinen Fragen. Vorbereitet sein auf ein argentinisches
Eingeborenenorchester. Sich dem Gespräch überlassen, während fünf kleine
Indonesier neben mir Herrn Rossi ihre Aufnahmegeräte unter die Nase halten. Zum
Glück ist Herr Rossi ein Profi, was man nicht nur daran merkt, dass er
freundlich und geduldig bleibt und man ihm die Anstrengungen des Konzerts kaum
anmerkt: “There is no gap between tradition and creation, we believe that both
go together. &lt;span&gt;Creation without
tradition is like a tree without roots and tradition without creation belongs
to the museum,” sagt er. Und: “The reason that the Orchestra is named
Indigenous Instruments AND New Technologies is because we are children of the
21&lt;sup&gt;st&lt;/sup&gt; century, we have a tradition, but at the same time we have
modern tools, that we can use.” &lt;/span&gt;Solche Sätze sind es, die, wenn man sie
sich später anhört und dann einfach so mitschreibt, Herrn Rossi als einen
Public Relations Profi ausweisen. Klare Ansagen, runde Sätze mit
Bildern, unter denen man sich etwas vorstellen kann. Ich füge sie zusammen,
falle todmüde ins Bett und erfahre am nächsten Tag, dass es ein Missverständnis
gegeben und ein anderer Reporter der Jakarta Post schon für die
Berichterstattung des Abends eingeplant gewesen wäre, dessen Artikel nun leider
der Vorrang gegeben werden müsse. &lt;o:p /&gt;&lt;/p&gt;



&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;Ein Public Relations Profi ist
auch der britische Botschafter, der den versammelten Journalisten verkaufen will,
dass die Einführung biometrischer Pässe nicht nur kein Problem, sondern eine
ganz großartige Erleichterung für jeden sei, der „the greatest capital in the
world“ oder eine „of the greatest universitites in the world“ besuchen will.
Der schicken Pressemappe mit dem Union Jack entnehme ich, dass ich vor
Identitätsdiebstahl geschützt werden soll, dass ich ab nun sicher sein könne,
dass niemand unter meinem Namen nach England einreisen würde und dass mit Hilfe
der gescannten Fingerabdrücke schon drei falsche Asylbewerber entlarvt werden
konnten. Ich sitze da, denke „ihr verlogenen Schweine“ und überlege mir aggressive
Fragen. Warum England weltweit vorprescht mit der Einführung biometrischer
Pässe. Ob sich England besonders bedroht fühle von Asylbewerbern. Ob
Identitätsdiebstahl tatsächlich eine so gravierendes Problem für Lieschen
Müller aus Indonesien oder anderswo darstellt. Wem denn mit Hilfe der
biometrischen Daten die Einreise verweigert werden würde. Public Relations
Profi auch er, merkt Mark Date, dass ich nicht glücklich bin mit den
Alles-so-schön-bunt-hier-Broschüren der Pressemappe. Mark Date ist der smarte
„Entrance Clearance Manager“, der neben mir steht und unumwunden zugibt, dass
er meine Notizen mitgelesen hätte. Ob er mir vielleicht mit ein paar Antworten
zur Verfügung stehen könne. Das erste Mal führe ich ein Interview mit Wut im
Bauch und auch mit dem Verfolgungswahn, ob er mich nur wegfangen will, bevor
ich diese Fragen in der öffentlichen Pressekonferenz stellen kann. Er
balanciert mit langen soliden Sätzen um jede Falle herum. &lt;span&gt;Allerdings tut er mir den Gefallen und sagt
“Immigration as a whole is there because you do need to protect your borders as
such. But it is also there to try and make sure that we do have the right
people going in.” Ich frage ihn, was denn “the right people” sind. “People that
we want to do business with. People who invest in the UK, adding to its
economy, helping our economy grow as much as any other country would do.” &lt;/span&gt;So
Freundchen, und das wirst du morgen in der Zeitung lesen und dann kriegst du
Ärger mit deinem Vorgesetzen, denke ich, noch nicht wissend, dass diese Zeitung
mein ganzes Kunstwerk einer zwischen den Nachrichtenzeilen geschriebenen
Polemik unbekümmert wegkürzen wird. Am nächsten Tag lese ich in meinem Artikel,
dass der britische Botschafter alle Indonesier herzlich einlädt, nach England
zu kommen, und dass die Prozedur der Fingerabdrücke und des digitalen Fotos
kaum Zeit in Anspruch nehmen und keine zusätzlichen Kosten verursachen würde.
Nicht einmal das subtile Prunkstück, wie der Botschafter die blaue und rote
Schleife der Fingerabdrucksbox durchschnitt und dabei sagte „You see, nothing
happens to me and nothing will happen to you“ haben sie mir drin gelassen. 1:0
für Mark Date, den Public Relation Profi, der vielleicht schon wusste, dass
solche Sätze dann doch nicht in der Zeitung stehen. &lt;o:p /&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/11780/Indonesia/16-November-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
      <comments>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/11780/Indonesia/16-November-2007#comments</comments>
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      <pubDate>Sat, 17 Nov 2007 14:17:00 GMT</pubDate>
      <slash:comments>0</slash:comments>
    </item>
    <item>
      <title>12. November 2007</title>
      <description>



&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;





&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;





&lt;p class="MsoNormal"&gt;Der italienische Botschafter hat zum
Abendessen geladen. Sergio kontrolliert, bei welchem Helligkeitsgrad man die
Flecken auf seiner Hose erkennen kann, und dann öffnet sich tatsächlich ein
Atrium auf einen Swimmingpool und aus dem Halbdunkel einer edlen Couchecke
kommen die Gäste des Abends auf uns zu. Ein italienischer Journalist, der
gerade für die Weltbank einen Rechercheauftrag in Aceh durchführt. Ein
amerikanischer Fulbright-Stipendiat und Videokünstler, der mit einem Tänzer aus
Jakarta eine Kohlenstoffperformance zum Klimawandel vorbereitet, und seine
indische Frau. Zwei Mitarbeiter der Botschaft. Sergio und ich. Und der
Botschafter, der ein schwarzes T-Shirt mit Reisbauernhüten trägt und eine Zigarre
im Mundwinkel hängen hat. Seine blutjunge kubanische Frau, die gleichzeitig
wie ein Mädchen lacht und ihre Repräsentationsküsschenwange hinhält. Aperitif
und Fisch und das Bemühen, die Bestecke richtig zu benutzen. Was soll das alles.
Eine Verpflichtung dem Amüsement der italienischen Landsleute gegenüber? Eine
Versammlung diffus „interessanter“ Menschen, die sich zufällig in Jakarta
befinden? Gelegenheit zum Networking? Der indonesische Diener nähert sich von
hinten und flüstert „bianco o rosso?“, der Botschafter schärft seinen Witz am
Weltbank-Journalisten, der seinerseits schwindende Haare und schwindende Jugend
mit Großkotzigkeit wettzumachen weiß, und das Gespräch hakt sich allen Ernstes
an dessen bevorstehender Hochzeit fest und welche Pastoren wann in welchem
norwegischen Kaff engagiert worden sind. Einladung generös, Haus grandios,
Essen erlesen, Gäste angemessen anregend, und die in den Knochen stecken
bleibende Frage, was wir um Himmelswillen miteinander zu schaffen haben sollten.&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;Einen Tag später, als der
Italiener in sein Schlammloch auf Sumatra zurückgekehrt ist, frage ich Eka, die
Rezeptionistin der &lt;i&gt;Jakarta Post&lt;/i&gt;, wo
ich am Wochenende hinfahren soll. Sie strahlt: „Solo! That’s where my husband
is from.“ Der Name gefällt mir und so beschließe ich, programmatisch nach Solo zu fahren. Acht
Stunden geht es in östlicher Richtung durch Java, durch die dicht besiedelten
Landstriche dieser reichsten Insel Indonesiens, vorbei an Reisfeldern, durch
die Erntehelfer wie langsame Schwimmer pflügen und auf- und abtauchen, vorbei
an Erdnussfeldern und durch schwarze Regenhimmel, aber das wahre Glück ist Ika
Ruri. Ika Ruri sitzt neben mir, sie ist Buchhalterin in einer Immobilienfirma
am Pasar Baru in Jakarta und mag Gedichte und den indonesischen Rapstar Ika R. Für
den Nationalfeiertag schreibt sie manchmal kleine
Singspiellibretti für ihre Nachbarschaft, Cinderella, Die Stiefmutter und
Schneeweißchen, doch in den letzten Jahren ist sie nicht mehr dazu gekommen, zu
müde von einer Arbeit, die ihr sinnlos erscheint. Eine der Zugbekanntschaften
also, von denen sich über die Jahre viele kleine Charakterisierungen in Tage-
und Notizbüchern angesammelt haben.&lt;br /&gt;Ika Ruri jedoch weigert sich,
eine Zugbekanntschaft zu sein, das ist nicht ihr Stil. Sie bleibt in der
Wirklichkeit und schreibt mir schon am nächsten Morgen, als ich auf der
Hauptstraße von Solo dem Freiheitskampf gegen die
Holländer am 12. November 1945 unter Ignatius Slamet Riyadi beiwohne, eine SMS,
ob ich nicht nachmittags mit ihr in ihr Dorf kommen wolle. Auf der Hauptstraße
manifestiert sich gerade eine Marktszene, Mädchen in Sarongs führen
offensichtlich erfundene Hüpfspiele aus, Männer mit Dreck im Gesicht und etwas
zu demonstrativ zerrissenen T-Shirts lassen zwei Hähne aufeinander losgehen,
Frauen breiten Tücher auf dem Boden aus und verkaufen Gemüse, drei Statisten
kringeln mit dem Fahrrad durchs Bild. Die Szene glauben sie sich offensichtlich
selbst nicht und das Publikum am Straßenrand grölt vor Begeisterung. Dann
kommen Jeeps mit der Kolonialmacht angefahren, mit Holländern
also. Diese Holländer haben blonde Perücken auf dem Kopf und ballern wild in
die unschuldige Menge. Während auf der Straße so echt wie möglich gestorben
wird und kichernde Marktfrauen von der Szene rennen, formiert sich der
indonesische Widerstand. Mit weißroten Bandanas im Haar, das Maschinengewehr im
Anschlag kommen sie von einem Zug gesprungen, der, dramaturgisch ungünstig,
direkt vor der Zuschauertribüne zum Stehen kommt. Aber das ist egal, denn es
geht hier weniger ums Zuschauen als ums Dabeisein, und so werden die Holländer
kurzerhand mit Handgranaten vernichtet und die Straße verwandelt sich in ein
rot-weißes Meer tanzender Männer, die „Merdeka!“, Sieg, schreien. Und hier sind sie ganz bei sich, der Sieg über die
Kolonialmacht ist in den gestreckten Körpern und jubelnden Gesichtern 62 Jahre
später immer noch sichtbar.&lt;br /&gt;Ene und ihrem Mann hingegen geht es um Tina, ihre
zwölfjährige Tochter, die mit ihrer Klasse schon das dritte Mal aufmarschiert
ist, um die Nationalhymne zu singen, aber dann jedes Mal aufgrund nicht
durchsichtiger dramaturgischer Neuplanungen, wieder abmarschiert ist. Ene und
ihr Mann harren aus, kaufen mir ein kleines Essenspaket und nehmen mich immer
wieder an der Hand, um zu einem besseren Sichtplatz zu gelangen. Sie sind das Vorspiel
oder Exemplarische für eine Herzlichkeit und Großzügigkeit, die mir ein ganzes
Wochenende lang den Atem verschlagen wird.&lt;br /&gt;Denn Ruri kommt und holt mich ab
in ihr Dorf. Aber es ist kein Dorf. Am Ende einer einstündigen Autofahrt steht vielmehr
das zweihundertjährige Elternhaus ihres Vaters. Ringsum Hügel und Wald,
Erdnuss- und Mangobäume, Hühner in Harakiri-Sprüngen über der Straße, grüne
Wiesen, grüne Luft, grüne Schmetterlinge. Die Terrasse bevölkert mit
Blumentöpfen und rauchenden Männern, mit unsichtbaren Bewegungen werden die
Sandalen abgestreift bevor man in die Wohnhalle geht. La Mamma, Ibu, die Frau
des Hauses: das Gesicht weißgeschminkt, rote Lippen, Schweißperlen zittern über
der Schminke wie durchsichtige Perlen, wie Tau, wie Regentropfen, zittern, wenn
sie lächelt und bleiben doch an ihrem Platz, ein zusätzlicher Schmuck des
Gesichts. Der Vater mit gestutztem Schnurrbärtchen, Goldbrille, riesigen
Klunkern an den Fingern, beide sprechen Javanisch und ich bekomme nur durch
Ruri mit, was sie wissen oder mir Gutes tun wollen. Beide ruhen in ihrem Stolz,
jedes zweite Wort ist „Java“ und jede Anweisung ist darauf bedacht, mir eine
Freude zu machen. An einem kleinen Katzentisch bekomme ich aus vielen Schüsseln
zu essen, silakhan, silahkan, bitteschön, bitteschön sagt Ibu. Immer wieder
werde ich an diesem kleinen Tisch platziert, offensichtlich isst die Familie
nicht zusammen, der Vater speist allein im Wohnzimmer, die Männer auf der Terrasse,
Ibu für sich vor dem Fernseher. Abends fahren wir hinunter ins Dorf, damit ich
Ayam Soto probiere, Hühnersuppe, dazu Tee in kleinen grün emaillierten Kannen,
in dem sich riesige Klumpen Zucker auflösen. Ich sage, dass mir diese Kannen
gefallen, am nächsten Morgen auf dem Markt werden mir zwei davon erworben, ich mache
den zweiten Fehler und kaufe mit Hilfe von Ibu und Ruri einen langen Rock,
später kommt Ibu und gibt mir das Geld dafür, denn ich sei ihr Gast und sie
wolle mir den Rock gerne schenken. Auf der Terrasse sitzend werden frisch
gepflückte Mangos für mich geschält, ich muss entscheiden, welche ich am
liebsten mag, dann wird eine große Tüte gepackt, die ich mit nach Jakarta
nehmen soll. Genau wie die frittierten Gebäckstücke, eine Flasche süßen Tees
und drei CDs auf der Ruri und ihre Schwester Ririn gemeinsam mit anderen
indonesischen Sängerinnen javanische Volkslieder singen.&lt;br /&gt;Zwangsläufig gerate ich in jene
tiefe Hilflosigkeit, mit der meine kulturelle Konditionierung auf ein solches
Aus- und Unmaß an Gastfreundlichkeit antwortet, erst nach und nach verstehe ich, dass alles, was von mir erwartet wird, lediglich
ein bisschen gezeigte Freude und etwas Unterhaltung ist. Sie freuen sich, dass
ich immer neue Vokabeln für die Großartigkeit der mir präsentierten Speisen im
Wörterbuch suche, sie freuen sich, wenn ich nach den Bergen und Pflanzen und
javanischen Ausdrücken frage, sie freuen sich, wenn ich mir zum vierten Mal den
Kopf am niedrigen Türstock anschlage, sie freuen sich, dass ich auf den Markt
mitkommen will und dort bereitwillig ein exklusives Schauobjekt darstelle, sie
freuen sich, dass es weder Erdnussbäume noch Reisfelder noch Gläser mit Deckel in
Deutschland gibt (überhaupt gerate ich in eine unangenehme Negationsschleife,
was es alles in Deutschland nicht gibt, nur mit Fahrradwegen kann ich Ruri kurz
beeindrucken. Erst als wir zu dritt auf dem Mofa ohne Helm die Hügelstraßen
hinunter rasen, Ruri nebenbei telefoniert und ihrem vierjährigen Bruder zeigt,
wie er lenken soll, finde ich ganz allein vor mich hin, dass deutsche
Sicherheitsstandards unendlichen Charme haben). Auf der Terrasse betrachten die
Männer mein Wörterbuch, kichern die Mädchen, wenn ich sie anlächele und wiederholen
sich alle einen Satz, den ich gesagt oder eine Frage, die ich gestellt habe. Während
einige der Männer aus dem Dorf die Anrede „Miss“ für alles Weiße und Fremde
nicht aufgeben, begegnet mir die Familie mit einem selbstverständlichen Stolz.
Neben einem Gast bin ich auch Zeugin ihres Standes, ihres Besitztums, ihres
Landes. Und das ist nicht Indonesien, sondern Java. Als ich ihnen aus dem &lt;i&gt;Lonely Planet &lt;/i&gt;vorlese, dass die Menschen
aus Solo zu den freundlichsten in ganz Indonesien gehören, nicken sie
freundlich, aber ungerührt, wer hätte schließlich etwas anderes erwarten sollen.&lt;br /&gt;Auf dem Weg zurück, den Rucksack
voller Mangos, erinnere ich mich noch einmal an den Abend beim italienischen
Botschafter. Welten, na klar. Nationen, Kulturen, Bruttoinlandsprodukt und so
weiter. Aber auch, dass mir in den Hügeln im Haus des stolzen Bapak Jajar
Margono die natürliche Frage, was sie um Himmelswillen mit mir zu schaffen
haben sollten, nicht in den Sinn gekommen wäre. &lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/11612/Indonesia/12-November-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Tue, 13 Nov 2007 15:45:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>6. November 2007</title>
      <description>
&lt;p&gt;Heute nur rattenstolz rumprollen. &lt;/p&gt;&lt;p&gt;http://www.thejakartapost.com/Archives/ArchivesDet2.asp?FileID=20071106.R01&lt;/p&gt;&lt;p&gt;http://www.thejakartapost.com/Archives/ArchivesDet2.asp?FileID=20071105.R01&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/11367/Indonesia/6-November-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Wed, 7 Nov 2007 21:15:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>28. Oktober 2007</title>
      <description>
&lt;p class="MsoNormal"&gt;Dass ich doch Heimweh habe, merke
ich daran, dass ich bei jeder ins Bild geratenden römischen Straßenansicht in
Tränen ausbreche, unabhängig davon, ob ich sie erkenne oder nicht. Gleichzeitig
bietet sich die Gelegenheit für einen Kulturschock, allerdings diesmal aus der
anderen Richtung. &lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Es ist Europäisches Filmfestival, initiiert von den
ausländischen Kulturinstitutionen, dem Goetheinstitut, dem Erasmushuis, dem
Istituto Italiano di Cultura und dem Centre Culturel Francais, und
Sonntagmittag gehe ich hin und schaue mir „Catarina va in città“ von Paolo
Virzi an. Es ist ein Film über ein dreizehnjähriges Mädchen aus der Provinz,
das mit ihren Eltern nach Rom kommt und sich dort zwischen den fiesen Gören in
ihrer Klasse arrangieren muss. Eine weltweit bekanntes soziales Ärgernis
offensichtlich, denn die etwa dreißig Indonesier um mich herum lachen an den
richtigen Stellen und machen auch sonst nicht den Eindruck, besonders verstört
zu sein. &lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Ich bin es dafür umso mehr, denn was wir da sehen, muss für einen noch
so gebildeten Jakartaer Zuschauer völlig unverständlich sein. Was wir sehen
sind römische Zecken und römische Faschisten und römische Edelkommunisten, was
wir da sehen, sind römische Familienszenen und Hochzeiten und Demonstrationen
und ich denke an die fünf Jahre, die ich gebraucht habe, um das alles nicht
einfach nur exotisch zu finden. Denke an die Zecken- und die Technophasen von
Sergios Nichten, an die Farben ihrer Unterhosen über den Baggypants, an ihren
unverständlichen Slang und ihr Verschwinden auf die nächtlichen Straßen, denke
an meinen Streit mit einem Polizisten auf der Piazza del Pantheon über den
Hitlergruß der dort aufmarschierten Alleanza Nazionale, denke an die
händchenhaltenden Großmütterchen und Großväterchen mit ihren unermüdlichen roten
Schals auf den Sommerfesten von L’Unità, denke an den Blick der reichen
Römerinnen zwischen Viminale und Quirinale auf meine Turnschuhe, denke an den Stolz,
mit dem Sergio die Verfehlungen der italienischen Politik der letzten 50 Jahre
aufzählt, denke an die unverständlichen Anschlagtafeln der Philosophischen
Fakultät der Universität La Sapienza, denke an – und will die neben mir
sitzende und freundlich zuschauende Indonesierin am Arm schütteln und darauf
aufmerksam machen, dass das hier nicht einfach nur irgendein europäischer Film
sei, sondern alles wirklich – ja was? Mit einem Kloß im Hals zurück auf die
glühende Straße gehen, in eine krakeelende Horde kleiner Schwimmbadjungs
geraten, die sich zwei Kilometer lang über meine Gestalt und mein Gestammel und
mein Dasein insgesamt totlachen und die Fremdheitserfahrung wirken lassen:
sprachlos zu wissen, wie alles woanders ist. &lt;/p&gt;



&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p /&gt;Mit den Mädchen allerdings wird
es besser. Die Läden der ganzen Stadt sind beherrscht von Mädchen. Sie passen
Brillen an und verkaufen Parktickets und Malariamedikamente. Sie sitzen an den
Kassen und Informationsschaltern, sie tragen Pferdeschwanz und Uniformen und in
den Gesichtern weiche Züge, die verraten, dass sie alle nicht älter als zwanzig
sind. Aus einem kleinen Warung, einem Essenslädchen, das hinter der Mauer liegt,
hole ich manchmal abends Essen: Fisch, rot eingelegte Miesmuscheln, scharfe
Bohnen, Sampal, 6000 Rupien. Das erste Mal, das ich den Laden betrat,
erstarrten die beiden Mädchen hinter der Theke zu Salzsäulen, nur um gleich
danach in jenes hysterische Gelächter auszubrechen, das verrät, dass man noch
nicht über sechzehn ist. Sie konnten mich nicht bedienen, der Vater traute sich
auch nicht, bis schließlich die Mutter aus den hinteren Gefilden kam, Reis
auffüllte und mich herrisch ansah, dem Theater ein Ende zu machen, indem ich
ihr sagte, was ich wollte. Die Mädchen hörten nicht auf zu kreischen und mit
dem Finger auf mich zu zeigen, der Vater lachte nun auch aus vollem Hals, und
ich hätte gerne, wie schon öfters bei solchen Gelegenheiten, gesagt, dass das
in Deutschland ein bombensicheres Mittel sei, nicht nur seine Kunden
loszuwerden, sondern sich auch eine Beleidigungsklage aufzuhalsen. Aber zum
Glück kann ich ja nichts sagen, sondern ging nur trotzig am nächsten Abend
wieder hin. Diesmal schob der Vater gleich die Mutter vor, um dem nächsten
Kollaps seiner Töchter vorzubeugen, aber beim dritten Mal waren sie alleine. Zu
zweit trauten sie sich, eine füllte den Reis auf, dann verharrten sie ganz
still und beobachteten mich wie hypnotisiert, was ich wohl &lt;span&gt; &lt;/span&gt;tun und worauf ich zeigen würde. Das eigene
Lächeln wie eine weiße Fahne schwenken und tatsächlich - &lt;span&gt; &lt;/span&gt;beim vierten Mal erkennen sie mich offiziell
wieder und begrüßen mich. Als ich dann „apa kabar“ sage, wie geht es, und
„dimana ibu“ wo ist Mama, da müssen sie noch einmal losprusten, dann aber
antworten sie tatsächlich&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;- gut, schläft
-&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;und ich trage das schwarze
Plastiktütchen mit einem Hochgefühl nach Hause. &lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10887/Indonesia/28-Oktober-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Mon, 29 Oct 2007 13:17:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>26. Oktober 2007</title>
      <description>

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Während der Bootsführer über mich hinüber zum Bug klettert, einen Schuh auszieht,
den Sarong schürzt, sich mit einer Hand festhält und dann das Bein bis zur
Hüfte in den Fluss taucht, um die Wassertiefe zu messen, folgendes vor sich hinmurmeln:&lt;span&gt; &lt;/span&gt;„you cannot sell these pictures in Europe“, Roundup-T-Shirt,
illegale Holzfäller und ihre Armseligkeit.&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Vier Tage habe ich im
Greenpeace-Camp in Riau auf Sumatra verbracht. Dort also, wo der Regenwald fast
nicht mehr existiert. Dort, wo Waldbrände dennoch die schlimmsten Ausmaße in
ganz Indonesien annehmen. Dort, wo Indonesiens großer Traum vom
Exportweltmeister Palmöl seinen Anfang genommen hat und von Tag zu Tag
ausgebaut wird. &lt;/p&gt;







&lt;p class="MsoNormal"&gt;Am Flussufer des Indragiri sieht
es harmlos, also aufregend nach Dschungel aus. Abends waren wir – die beiden
indonesischen Regenwaldcampaigner Hapsoro und Bustar, eine chinesische
Journalistin und ich&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;- nach vier Stunden
mit dem Auto aus Pekan Baru in Rengat eingetroffen. Von dort aus ist es noch
eine Stunde nach Kuala Cenaku, eines der kleinen Dörfer in der Provinz Riau,
das sich gegen die Palmölfirmen zu wehren begonnen hat. Im Haus des
Dorfobersten, der mir später mit&lt;span&gt; 
&lt;/span&gt;rhetorisch versierten Armbewegungen und ebensolcher Stimme erzählen wird,
wie Bulldozer der Firma den Friedhof platt gefahren und ein Spezialkommando der
Polizei die Dorfbewohner bedroht hätten, warten wir auf das Boot. Es ist ein
großes Boot aus Holz, ein Bootsführerhäuschen darauf, wir verstauen Rucksäcke, Wasser-
und Benzinkanister und fahren auf den dunklen Fluss hinaus. Doch da ist es schon
Nacht und am Himmel zieht ein Wetterleuchten herauf, zimtfarben und
grellorange, wie ich es noch nie – aber ich habe noch nichts von dem, was mich
umgibt, je gesehen.&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;Die schwarzen
Baumriesen gegen den flammenden Himmel, ein ganz fremder Mond und Fackeln von
Milliarden Glühwürmchen. Auf dem Bootshäuschen sitzen mit Adè und Erman, zwei
indonesischen Freiwilligen, süße Zigaretten rauchen und ganz schnell flach aufs
Dach legen, wenn die Zweige des Flussufers zu tief hängen. Der Fluss wird immer
schmaler, im Bug steht eine schemenhafte Gestalt und zeigt mit den Armen den
Flusslauf an, trotzdem strandet das Boot zwischendurch im Gesträuch, ich glaube
an einen Unfall und falle vorsichtshalber vom Dach, alle lachen. Hölzerne Behausungen tauchen auf, ganz schwach erleuchtet erscheinen Silhouetten
in den Fensterlöchern. Als ich auf dem Höhepunkt meiner atemlosen
Begeisterung bin, sagt Bustar trocken: „They don’t have anything
left. &lt;span&gt;The forest is gone as
well as the animals. They won’t get anything from the plantations, they just
try to survive somehow.”&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Am nächsten Tag erst sieht man,
dass das, was ich für schwärzesten dichtesten Wald gehalten hatte,
tatsächlich nur mehr am Flussufer steht. Dahinter erstrecken sich die erst gerodeten
und dann verbrannten Felder, schwarze Baumstümpfe darauf und endlose Kanäle,
die von den Holzfirmen zum Abtransport der Stämme gelegt worden sind. Hinter
dem Greenpeace-Camp kann man sehen, wie es aussieht, wenn nichts mehr übrig ist
von einer der vielfältigsten Flora und Fauna der Welt. Eine Natur, in der es
nicht vorgesehen war, von einem Horizont bis zum anderen sehen zu können. Hier
sollen Ölpalmplantagen entstehen, wie jene, die sich schon auf der Fahrt von Pekan
Baru nach Rengat kilometerlang zu beiden Seiten der Straße erstreckten: „Welcome to paradise“, sagt
Hapsoro. &lt;/p&gt;







&lt;p class="MsoNormal"&gt;Für ein nordeuropäisches Auge sieht es tatsächlich einen Moment wie
das Paradies aus. Palmen, soweit das Auge reicht, Palmen über Hügel hinweg und bis in den
Himmel hinein. Und so wird es die holländische Medienkoordinatorin später auch
kommentieren, als sie von den Kameraaufnahmen mit einer nationalen Celebrity
erzählt, die die Geschichte des Ausverkaufs der indonesischen Wälder nach
Europa tragen soll: „You cannot sell these pictures in Europe. Everybody sees
palms and thinks, oh, nice!“&lt;o:p&gt;&lt;br /&gt;&lt;/o:p&gt;&lt;br /&gt;In den vier Tagen im Camp lerne
ich, Ölpalmen ein für alle Mal dem Bösen zuzuordnen. Dem Weltmarktboom
Folge leistend, werden in ganz Indonesien riesige Plantagen angelegt und
zerstören nicht nur den Regenwald (alter Hut), sondern (ewig neue Büchse der
Pandora) werden nun auch zum Klimaproblem, indem der verbrannte Torfboden die
in ihm gelagerten Billionen Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre entlässt.
Damit wird Bali ein prekärer Ort, um das Kyoto-Protokoll neu zu
verhandeln, und das haben sie natürlich erkannt, die Ökostrategen. Ich studiere
mich durch die Studien und Artikel, die mir der Italiener unermüdlich
zufüttert, und höre Hapsoro auf meinem Aufnahmegerät lachen, als er sich über
die deutsche Begeisterung für Biodiesel lustig macht:&lt;br /&gt;&lt;o:p /&gt;&lt;span&gt;&lt;/span&gt;&lt;span&gt;“That’s a very stupid thing to do. How come? Western countries are very
happy that this climate thing will be solved with the biofuel and that they
have found palm oil for this. For me, as Indonesian, this way of adapting to
the problem of climate change is not fair. It seems as if Western countries are
allowed to use a lot of cars and a lot of industries and when they have a
problem with emissions, they don’t use less cars and less industry, they only
change the way of running them. What they are trying to do so far, is that they
are looking for the cheapest biofuel. And that happens to be palm oil. This is
killing, because it makes competition with the food sector. And if they don’t
want to compete with the food, that means they have to extent the land. And
that means we have to sacrifice the forest. Additionally, palm oil is only
meant for export. There is no indication whatsoever that we will change
domestically to biofuel.”&lt;o:p /&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;



&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;span&gt;&lt;o:p /&gt;&lt;/span&gt;Auch den Dorfältesten Mursyid M.
Ali und den Feuerwehrmann Erly Surkismanto aus Jakarta höre ich noch einmal auf
dem Aufnahmegerät, während im Hintergrund Hühner krähen und Leute in ihre
Handys brüllen und die Freiwilligen in Gruppen auf den Holzplanken sitzen und
wie immer lachen und wie immer Gitarre spielen. Es ist eine eigenartige
Mischung aus Pfadfinderlager und militärischer Operation, diese Versammlung von
Lobbyisten und Medienspezialisten und Aktionskoordinatoren und den kantigen,
kauzigen Männern aus den Dörfern ringsum, die tausend Erinnerungsfotos von uns
mit ihren Handys machen. Sie sind gekommen, ein Löschtraining zu absolvieren, um mit den tagelangen Waldbränden
wenigstens irgendwie umgehen zu können: „If they understand themselves as a
crew, I consider this training to be a success“, sagt der Feuerwehrmann aus Jakarta und
lächelt mich zutraulich an, „can you please tell Greenpeace not to leave them
alone after this? That they will come back and continue the training?“&lt;span&gt;&lt;/span&gt; Abends kommen sie klatschnass und müde mit
Schläuchen über den Schultern zurück, setzen sich auf den Boden, essen Reis,
lachen, und spielen Gitarre bis spät in die Nacht.&lt;br /&gt; &lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Und trotzdem frage ich mich, was
sie von Greenpeacekampagnen verstehen, die in kürzester Zeit riesige Aufmerksamkeitsbrände
zu entfachen imstande sind, aber auch wieder vorbeigehen und sich anderen
Brennpunkten in anderen Teilen der Welt zuwenden, von Strategen, die den Wald
in Sumatra ohnehin verloren geben und sagen, „we need to use the examples of
Sumatra and Kalimantan to prevent the same thing happening in Papua.“ Die
beiden Frauen, die auf zwei kleinen Kochstellen für 100 Leute kochen und dabei
nebenbei ihre Kinder im Fluss abschrubben. Der Junge aus dem
Dorf, der gerne alle unsere Namen in sein Notizbuch schreiben wollte, einfach
so, zur Erinnerung. Und der kleine Bootsführer, der vor mir im Bug sitzt und ein
verwaschenes Round Up Ready- T-Shirt trägt, eine Werbegeschenk von Monsanto
anlässlich der Gentechnikpflanze, die vor acht Jahren die Insignien des Bösen
trug. Wie es wohl in seine Hände gelangt ist. &lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;&lt;o:p&gt; &lt;/o:p&gt;&lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Auf der Rückfahrt im schmalen
Holzboot, während aus den verbliebenen Bäumen am Fluss die Affen plumpsen und
Sita neben mir ihr Tropensonnengesicht in einem kleinen Taschenspiegel betrachtet
und sagt: „I am soo black, I have not been that black before“, da sehe ich sie schließlich, die illegalen Holzfäller. Sie kommen uns aus einem der Flussarme in
ebenso schmalen kleinen Holzbooten entgegen, drei an der Zahl, mit einem Tau
zusammengebunden. Auf einem liegt, in kleine Teile zerlegt, einer der riesigen
Merantibäume, ein kleines Dach aus Plane darüber, um ihn vor der Feuchtigkeit
zu schützen. Ein paar Netze, ein paar kleine Kinder, ein paar leere Blicke
hinüber zu uns, während sie  Wasser aus den Booten schöpfen. Das
sind sie. Das ist schon alles, der Anfang oder vielmehr das Ende einer
Geschichte: Menschen in Armut. &lt;o:p /&gt;&lt;/p&gt;

&lt;div&gt;
&lt;/div&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10754/Indonesia/26-Oktober-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Fri, 26 Oct 2007 20:22:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>18. Oktober 2007</title>
      <description>
&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Binnen zweier Tage verliebe ich mich gleich in zwei Frauen. Zuerst auf dem Campus der Atma Yaja Catholic University an der Jend. Sudirman: ein Sankt Antonio mit in den Himmel &lt;span&gt; &lt;/span&gt;gereckten Händen, Mutter-Theresa-Plakate an den Wänden, Graffitis, dann eine Art überdachter Geschäftsstraße, aus den kleinen Glasboxen dröhnt Bob Marley und werden Schokoladenkekse verkauft, Studenten haben Laptops auf den Knien und Zettel um sich herum auf dem Boden ausgebreitet und Lamentos über Hausarbeiten in den Mündern. Die verstehe ich nicht, aber das weiß ich trotzdem.&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Lombaga Bahasa, steht in meinem Notizbuch, Language department, 3rd floor, room 306, 15:00 Uhr. Dort sitze ich dann zwei Stunden lang drei Linguisten des Max Planck Institutes für Evolutionary Anthropology gegenüber, die mir von den 700 Sprachen Indonesiens erzählen, von ihrer Gefährdung durch die Landessprache Bahasa Indonesian und mir nebenbei die Grundlagen linguistischen Forschens beibringen. Im Notizbuch jagen sich die Spiegelstriche: Moluccan islands, most endangered languages in Indonesia:&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;Allang, Kouro&lt;span&gt;, Alune, only few elderly speakers, same development in Muslim and Christian villages. &lt;/span&gt;Reasons, heißt der nächste Spiegelstrich: historical, political, social, mixed marriages. Nicht nur haben die Holländer das Malayische zur Verbreitung des Christentums eingesetzt und damit die lokalen Sprachen und Dialekte vertrieben, nicht nur hat die offizielle Einführung von Bahasa Indonesian als Landessprache das Übrige getan, sondern sehen auch die Sprecher selbst ihre Sprachen als sozial minderwertig an. Ein paar Tage später werden Eilish und Kanis, meine Jakarta Post Vorgesetzten, meinen Artikelentwurf lesen und sagen, nice, but we need reasons, why these languages need to be preserved. &lt;span&gt;People in this country are not convinced at all that this is necessary, they believe it to be far more important to speak proper Bahasa or English. &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Und ich hatte den Linguisten diese Frage sogar gestellt, fast aufgeregt, weil mir genau hier die Linie zwischen Journalismus und Wissenschaft zu verlaufen schien: As a scientist I would hate this question, hatte ich gesagt, but why would you want to preserve these languages. &lt;span&gt;Who cares if there is on some island one old lady left speaking a language that the majority of the population has never even heard of? &lt;/span&gt;Und verliebte mich ohne Umstände in die italienische Linguistin, als sie mich abfällig ansah und sagte: You know, linguists are no social workers. &lt;span&gt;We don’t go out in the field and tell people, hey, you need to speak your language. We just believe them to be fascinating, we want to record them, study them and want to give people the chance to preserve them - &lt;span&gt; &lt;/span&gt;if they are interested. &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3" face="Times New Roman"&gt;Einen Nachmittag verbringe ich damit, die Geschichten und Legenden in dem von ihr edierten Buch zu lesen: A collection of Kenyah stories in the Òma Lóngh and Lebu’ Kulit languages. In drei Kolumnen sind die Geschichten aus den Dörfern im Osten Kalimantans aufgeführt: Geschichten von Ungan und Awé, die in Stein verwandelt werden, weil sie sich über einen Hund lustig gemacht haben, und von Mpé und Buzu, die aus Versehen ihr Kind kochen und essen, auf Indonesisch, auf Englisch und in Òma Lóngh oder Lebu’ Kulit.&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;“Buké ileu tai medik ti di’ ira’ ketai mena’at a di’ inyé daau senteng tilu tai mena’at ta”, probiere ich aus, quittiert von einem weiteren abfälligen Blick der italienischen Linguistin. Aber da hat sie mich schon mit an ihren Schreibtisch genommen und gezeigt, wie die Datenbank funktioniert, in der alle hiesigen Forscher ihre Aufnahmen von allen Inseln Indonesiens einspeichern: wie und auf welche der 44 unterschiedlichen Weisen die erste Person Singular funktioniert. Welche Sprachen Suffixe oder Genitive besitzen und wie man Beispielsätze entwickelt, anhand derer man so was rauskriegt. Über Kopfhörer höre ich einen alten Mann in fremden Tönen und Lauten erzählen, wie er mit seiner Familie vor vielen Jahren in dieses Dorf gezogen ist, und sehe in der Datenbank die in kleine Felder unterteilten Analysen dieser Erzählung. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3" face="Times New Roman"&gt;Und gehe dann, als es schon dunkel ist und die Schallwellen der Muezzine und Muezzinkassetten sich über der Stadt ausbreiten, mit vielen Spiegelstrichen im Notizbuch und einem vollen Aufnahmegerät nach Hause, auf dem ich mir am Tag danach noch einmal die Tonhöhen und Unterbrechungen und Gelächter eines Gesprächs anhöre, all das also, das verloren geht, wenn man einen informativen Artikel zum Thema schreibt.&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Wieder einen Tag später treffe ich die Leiterin der Programmabteilung im Goethe-Institut, die mich eingeladen hatte, vorbeizukommen, um vielleicht bei einem gemeinsamen Brainstorming Möglichkeiten des Geldverdienens für mich zu entwickeln. Schon diese Einladung hatte ich mehr als freundlich gefunden, sich dann aber eine Stunde lang frei unterhalten zu können, über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten, ein Kulturprogramm in Jakarta zu entwickeln, wo es nicht einmal einen Veranstaltungskalender gibt („kommen Sie mir jetzt nicht mit Berlin!“), über aktuelle deutschsprachige Literatur und die Möglichkeit von Publikationen in Indonesien („der Übersetzer war bei Elfriede Jelinek am Rande des Nervenzusammenbruchs“), den kleinen und unterfinanzierten Buchmarkt, lässt die Möglichkeit aufscheinen, wie schön und achtungsvoll Vorstellungsgespräche im Grunde sein könnten, gänzlich ungeachtet ihres Ausgangs. Und als sie erzählt, dass sie in Kürze nach Indien übersiedeln wird, unterdrücke ich nur mit Mühe den Impuls, sie zu fragen, ob ich nicht mitkommen könnte. &lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10399/Indonesia/18-Oktober-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
      <comments>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10399/Indonesia/18-Oktober-2007#comments</comments>
      <guid isPermaLink="true">https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10399/Indonesia/18-Oktober-2007</guid>
      <pubDate>Thu, 18 Oct 2007 16:40:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>12. Oktober 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Wird ab heute alles anders?&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;Idul Fitri ist da, das Ende des Ramadan, das Ende der Fastenzeit. Ein Crescendo seit Wochen. Zuerst die Banner über den Straßen und Eingängen der Banken und Einkaufszentren: Selamat Idul Fitri H 1428, und dazu Weihnachtsbotschaften von Frieden und Glück, die ich, im Bus, im Stau, mit dem Wörterbuch auf den Knien Stück für Stück entziffere. „Batin“, finde ich bei dieser Gelegenheit heraus, heißt zum Beispiel „in jeder Hinsicht“. In jeder Hinsicht soll Segen über das Land und seine Gläubigen kommen, skeptischer als auf diesen grünen und weißen Bannern tönt das in den sich ebenfalls häufenden Idul-Fitri-Nachrichten in den Zeitungen: im Verkehrsministerium und in der Zentrale von Transjakarta Busway scheint es von Woche zu Woche mehr Strategiesitzungen zu geben, wie das zu erwartende Verkehrsaufkommen zu bewältigen sei. Offensichtlich hat das ganze Land vor, in seine Heimatdörfer und&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;- städte aufzubrechen, schon kurz nach Beginn der Fastenzeit waren alle Flüge in die größeren indonesischen Städte ausgebucht, zusätzliche Zug-, Bus- und Schifflinien wurden extra für die Woche zwischen dem 11. und dem 19.Oktober eingerichtet. Neben den Artikeln über das Verkehrschaos waren Fotos von an langen an Kais wartenden Motorradschlangen zu sehen oder von einem verschleierten Mädchen, das, aus einer Zugtür heraushängend, ihrem Freund zum Abschied die Hand küsst. &lt;span&gt; &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Derselbe Exodus wird auf den Wirtschaftsseiten mit Befriedigung verzeichnet, weil nun das im Lauf des Jahres in die großen Städte Javas geflossene Geld in dieser Woche wieder zurück aufs Land und in die Dörfer strömt. Die Banken bringen für dieses Ereignis, an dem offensichtlich die zu Glück gekommenen Schwiegersöhne und Enkel zuhause ihren Wohlstand vorführen, neue Geldscheine in Umlauf. Und in Jakarta Timur wird ein Betrüger gesucht, der eine Bank eingerichtet und braven Bürgern über Monate ihre Ersparnisse für Idul Fitri abgeknöpft hatte mit dem Versprechen, ihnen pünktlich zum großen Ereignis alles mit Zinsen zurückzuzahlen. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Nach und nach verdichten sich die Zeichen. Feuerwerke, die seit Wochen in der Nacht angezündet werden und rot und grün sekundenlang über den tausend Lichtern der Stadt stehen. Der Gesang und die Trommeln in der Nacht aus den Moscheen, Allahu akbahr, und die kleinen Mädchen, die, selbst wie kleine Geschenke verpackt, kichernd in rosa und weißen und hellgrünen Schleiern abends um sechs über die Straßen trippeln. Tausend kleine Schuhe stehen dann vor dem Eingang der Moschee, die zwischen unseren Hochhäusern und dem kampong liegt. Die aus Schilf und Rohr geflochtenen Körbe für die Geschenke, manchmal hocken zwei vor einem Geschäft und flechten mit Windeseile riesige Schilfrohre zusammen. Seit ein paar Tagen steht neben unserem Aufzug so ein Mittelding aus Osterstrauß und Sylvestergirlande und auch daran hängen kleine Körbchen. Überall gibt es Idul-Fitri-Sonderangebote, für Kleider oder Immobilienkredite, und auch die banalsten Kekse werden mir interessant, weil es eine Extra-Idul-Fitri-Edition zu sein scheint. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Am schönsten aber war dieser buchstäbliche Advent abends auf den Straßen: um 17:49, um 17:50, in Palangka Raya erst um 18:10. Dann also, wenn aus einem Radio oder einem Fernseher Gesang ertönt und das Fasten gebrochen wird; jeden Tag waren in der Zeitung die Minuten von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang verzeichnet, und trotzdem musste immer noch einmal sicher gegangen werden: Zweimal befinde ich mich im Taxi, einmal schaltet der Fahrer das Radio ein, hört einen einzigen Ton und schraubt sofort seine Wasserflasche auf; das zweite Mal ist offenbar das Radio kaputt oder der Verkehr zu laut und so beugt sich der Fahrer aus dem Fenster und fragt eine am Straßenrand stehende Frau, ob es schon so weit sei. Im Expressbus schrauben alle gleichzeitig ihre Flaschen auf und ein verschwitzter Mann mit schlimmen Zähnen bietet seine Flasche dem Fahrkartenabreißer an, falls der nicht so schnell zu etwas Flüssigem käme. In einem Restaurant, das Sergio und ich gegen 17:40 betreten, steht schon alles bereit: die Schüsselchen mit Fisch und Hühnchen und Algen und Chili, die gelben und roten Soßen, sogar Getränke sind schon abgefüllt. An einem der Tische sitzt eine Familie mit Mama, Papa und zwei Kindern, regungslos. Auch wir setzen uns und einer vielen kleinen Kellner mit blauen Hemden kommt mit entschuldigendem Lächeln auf uns zu: belum nasi, sagt er, noch kein Reis, we’re muslim, sorry. Um kurz vor sechs dann der erlösende Gesang aus dem Radio, die Familie stürzt sich unisono und immer noch schweigend auf ihre Schüsseln, und während das Volk von der Straße herein zu strömen beginnt, schluckt der der Kellner noch schnell an einem riesigen Stück Banane. Auch bei der Jakarta Post stehen Bananen und vor allem riesiger Schokoladenkuchen auf einem langen Tisch: We are celebrating the breaking of the fast, sagt der Chefredakteur zu mir, als ich schon meinen Rucksack über der Schulter habe und mich leise davonmachen will, please come and join us. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10176/Indonesia/12-Oktober-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Fri, 12 Oct 2007 15:14:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>6. Oktober 2007</title>
      <description>

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Pulau Seribu. Tausend Inseln. Mit
halb geschlossenen Augen sitze ich im Heck des Motorboots und schaue in die
schon um acht Uhr morgens auf die Wasseroberfläche brennende Sonne. Links neben
mir schläft ein indonesischer Bootsmann auf&lt;span&gt; 
&lt;/span&gt;Nylon- und Leinentaschen, seine Finger liegen weich über dem Gesicht und
zeigen gen Himmel und Sonne. Rechts schläft Agnes, die holländische
Klimacampaignerin, mit der ich dieses Mal dem Imperativ des Wochenendes – raus
aus Jakarta! – folge. Diesen Imperativ kann man buchen. In Ancol, dem Hafen
Jakartas, haben die kleinen Reisebüros begriffen, wie dringend die in Jakarta
arbeitenden Ausländer Luft und Sonne zu bedürfen scheinen und verkaufen die
tausend kleinen Inseln der Westküste all inclusive am Stück: Überfahrt, Mittag,
Kaffee, Abendessen, Übernachtung, Frühstück, Mittag, Überfahrt. Sind das nun
meine Bedürfnisse, herzlichen Glückwunsch. &lt;/p&gt;&lt;p class="MsoNormal"&gt;Aber schon zwei Stunden allein vor
sich hin übers Wasser stieren, tut wohl. Und dann tauchen die Inseln an den
Horizonten auf, die ich immer für Computeranimationen gehalten hatte: weißer
Sand, Palmen, blaue Himmel rechts, links, oben, unten. Später wird ein
Engländer mit ungünstig gefärbten Haaren und ungünstig kermitgrünem
Taucheranzug frenetisch auf eine Wolke zeigen und fünfmal sagen „this ist the
first cloud I have seen in weeks“. &lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Aber da sind wir schon auf Sepa,
der letzten und kleinsten der Inseln, die das Motorboot anfährt, und ich habe
mich schon fast wieder beruhigt über die Farben, die ein Meer und ein Himmel
und ein Strand und die Bäume haben können. Zu Fuß ist man in zwanzig Minuten um
die ganze Insel herumgewandert: Palmen, mit roten, grünen und braunen Blättern,
getarnte schwarze Vögel, die, wenn sie mit ganz hellem Gesang gen Himmel
aufsteigen plötzlich ein strahlend gelbes Gefieder entblößen. Ein
herumstapfender Drachen oder zumindest Riesensalamander, kleine Bungalows mit
nassen Handtüchern davor. &lt;span&gt;I
would not have thought that places like this existed, sage ich zu Agnes, als
wir ganz alleine im Sand liegen, die Füße in warmem türkisfarbenem Wasser,
maybe as mousepads, but not for real. &lt;/span&gt;Weniger aufgeregt und seufzt Agnes
nur, dass sie glücklich sei, endlich aus dem Büro raus zu sein und sie es zu
schätzen wisse, dass ich nicht von morgens bis abends über Greenpeace reden
würde. Aus der ganzen Welt ist mittlerweile die Belegschaft eingeflogen, die
bis zur im Dezember in Bali stattfindenden Klimakonferenz ununterbrochen
arbeiten wird. &lt;span&gt;I feel almost
bad that I am not working, sagt Agnes, but what is the point working in another
country if you stay in the stupid office all the time. &lt;/span&gt;Sind das die
beiden Modelle für im Ausland arbeiten, frage ich mich, entweder rund um die
Uhr schuften, weil man ja ohnehin irgendwo auf der Welt sein könnte und bald
wieder weg sein wird, höchstens gönnerhaft Bitte und Danke in der Landessprache
sagen zu können und zwei Stunden vor Abflug schnell hundert illegal gebrannte
DVDs zu kaufen, weil die ja hier so billig sind. Oder am Wochenende Erholung zu
kaufen, um die Woche in der brüllenden Stadt bestehen zu können und auch hier
das alltägliche Leben verfehlen. &lt;/p&gt;

&lt;p class="MsoNormal"&gt;Wir suchen also Muscheln und schneiden
uns die Füße auf am Korallenriff, wir machen Photos im Bikini unter Palmen, lesen
uns dabei die Wettervorhersagen für Amsterdam und Frankfurt vor und trinken abends
nach Stromausfall Bier auf dem Holzsteg. Auf einer kleinen Bühne spielt seit
dem Abendessen eine Band, fast allein, denn außer einer Runde wie verrückt
Karten spielender Asiaten ist niemand da. Als uns die schöne Sängerin anlacht
und zum Tanzen auffordert, schauen wir uns an, trinken den letzten Schluck Bier
und tanzen dann mit nackten Füßen auf der gekachelten Fläche. Red, red wine und
Baby, light my fire und Azzuro, von den indonesischen Musikern mit Grandezza
und doch ganz ernst bewältigt. Zwei Japanerinnen kommen herangetrippelt und zu
viert tanzen wir bis auch der Notfallgenerator nicht mehr tut, die schöne
Sängerin im Stockdunkeln lacht und sich eine Zigarette ansteckt. Von Palme zu
Palme tasten wir uns zu unserem Bungalow, enervierend vorhersehbar schreie ich
schon wieder bei der im Licht des Handydisplays im Bad ansichtig werdenden
Kakerlake. Salzwasser- und schweißverklebt mit schwarzen Fußsohlen ins Bett. &lt;o:p /&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10158/Indonesia/6-Oktober-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Thu, 11 Oct 2007 22:11:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>4. Oktober 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;Bei der Jakarta Post angefangen. Das erste Mal seit Jahren, denke ich, in weißem Blüschen aus dem Taxi steigend, dass ich wieder irgendwo anfange. In der Lobby sitzen, von zwei freundlichen Empfangsdamen mit Rosa auf den Wangen angelächelt, und auf diesen Anfang warten. Gänge an neuen Schreibtischen und Gesichtern vorbei. Einen Weg zur Arbeit haben. Neue Hierarchien verstehen, Kantinen, Klos, Kaffeeautomaten suchen. Menschen vorgestellt werden, Namen nachfragen und Namen lernen. Den eigenen Ort erst wieder finden müssen: langsames Hineinarbeiten in neue Zusammenhänge. &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Doch es geht ganz schnell. Die Sekretärin Merdy nimmt mich an der Hand – das tut sie nicht, aber es fühlt sich so an, auf dem Weg hinauf - und schon sitze ich im Büro des Chefredakteurs und stammele eine englische Kurzversion meiner Biographie, schon sitzen mir Eilish und Kanis gegenüber, meine beiden Vorgesetzten aus der Features-Redaktion, nach weiteren zehn Minuten habe ich einen Rechercheauftrag – Endangered Languages in Indonesia, Deadline October 28th - und einen ersten Vorschlag für eine Reportage – How non-governmental organizations are getting prepared for the Climate Conference in Bali - gemacht, einen Schreibtisch, einen Computer und eine Telefondurchwahl. Ich betrachte alles, beschließe, nicht zu lange verblüfft zu sein, probiere die Telefondurchwahl des Computer Supports, schließe meinen eigenen Computer an. Sehe zu, wie sich die Website der Jakarta Post auf dem Bildschirm aufbaut. Kucke über den Rand meiner kleinen Arbeitsbox und sehe erst einmal zu, wie die anderen arbeiten. &lt;/p&gt;&lt;p&gt;Die Jakarta Post sitzt in einem riesigen Großraumbüro, das sich über den Tag hinweg immer mehr füllt und erst am Abend zu voller Arbeitsintensität aufläuft. Reporter kommen und gehen, der Mann von der Fotoredaktion rennt durchs Bild, schräg hinter mir sitzt die Sonntagsausgabe, mir gegenüber die Copy Editors. Das sind die australischen und amerikanischen Korrekturleser, die gegen 16:00 wie ein Schwarm in die Redaktion einfallen, die Motorradhelme und ihre zahllosen Takeaway-Tüten um sich herum aufbauen und gleichzeitig anfangen laut zu lachen, zu essen und am Monitor zu lesen. Wohltuende Lese- und Essfreudigkeit überall: aufgeschlagene Zeitungen und Bücherstapel und gigantische Schokoladenkuchen, die, ich weiß nicht von welchem Verehrer der Zeitung, jeden Abend zum Ende des Ramadan auf einer Tischkante aufgetürmt zu werden scheinen. Schokoladenkuchenkaskaden, die es auf zusammengefalteten Papierstößen an den Schreibtisch zu transportieren gilt. Do I have chocolat on my nose, fragt Deanne, die mir gegenübersitzt. Unter solchen Bedingungen lässt es sich arbeiten. Kanis sagt knapp: You can come and go as you like, just let me know in advance, what is your mobile number. Dann ist er verschwunden und überlässt mich meinen Recherchen über aussterbende Sprachen auf Java, Sumatra, Papua und Sulawesi. Ich betrachte meine Ansteckkarte, auf der die momentane Lebenssituation vermerkt ist – The Jakarta Post Karyawan Magang Berlaku Oktober s/d Des. 07 – und mache mich auf den Heimweg, der eineinhalb Stunden dauern und direkt durch die Hölle führen wird. Aber das ist eine andere Geschichte, und die ist schon erzählt worden. &lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/10018/Indonesia/4-Oktober-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Mon, 8 Oct 2007 15:57:00 GMT</pubDate>
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    </item>
    <item>
      <title>30. September 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;An Orten sein, von denen man nicht gewusst hatte, dass sie existieren. Oder: An Orten sein, von denen man nie geglaubt hätte, dass man je dorthin kommen würde. Oder: An Orten sein, von denen man dachte, dass sie allein den Büchern gehören. Die Inseln und Küsten in den Büchern Joseph Conrads. &lt;i&gt;Inge auf Borneo&lt;/i&gt;: mit irgendwelchen rasenden Termitenhorden, die sich in die Vorstellungswelt des Kinderhirns fraßen und bis heute alles mögliche andere daraus verdrängt halten. Palangka Raya: noch im Reisebüro muss ich immer wieder auf meinen Zettel kucken, um nichts Falsches zu sagen. Palangka Raya, die Hauptstadt von Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Palangka Raya. Verloren sein in den klingenden Namen. Java, Jakarta, Kalimantan, Palangka Raya, Sebangau: das ist die Reisebewegung. Palangka Raya liegt in Central Kalimantan und vermittelt dennoch das Gefühl eines Grenzortes. Leere sandige Straßen, die voll sind von kleinen Mechanikerwerkstätten, so als solle man sich für tausend Meilen lange Reisen ins Nichts rüsten. &lt;span&gt;„A city at the boundary to nowhere“, sagt auch der Italiener, den ich im Hotel Adidas treffe, „with a lot of strange stuff in the shops that you would never want to buy. But it is nice anyway to see them to be so full.” &lt;/span&gt;Das Hotel Adidas vermittelt das in solchen Hotels an solchen Orten nicht seltene Gefühl, sich in einer Familiengruft zu befinden. Lange dunkle Gänge, nur langsam aufflackernde Neonleuchten und Geräuschen aus dem Bad, denen man nicht nachgehen will. „If I was inventing horror video games, I would choose the setting of the Adidas Hotel“, sagt der Italiener, mit dem ich aus Gründen der Sprachüberwältigung ganze Tagesabschnitte lang Englisch spreche. Doch man kann wieder Sterne sehen in der Nacht und Menschen in Plastikflipflops, die sich von den Bordsteinkanten auf die Straßen fallen lassen, wie an irgendeinem Sommerabend irgendwo. Wir essen riesige rote Krebse und Shrimps, deren Arme uns über den Tellerrand eines ebenfalls in einer Garage untergebrachten chinesischen Restaurants entgegen greifen, und trinken dazu nach Rosenwasser schmeckenden Tee, heiß, mit Eiswürfeln. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Am nächsten Tag geht es hinaus ins Nichts, in die Landschaft aus den Büchern und den Regenwaldbroschüren von damals. Csicsu und Tejo, Assistenten von CIMTROP (Centre of international research for tropical peatlands) stehen mit Motorrädern vor dem Hotel.&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;Hinter eben diesem Csicsu, auf einem eben dieser Motorräder, in rasendem Tempo über die Straßen von Palangka Raya dahinfegend, mit den Beinen und Fingern festgekrallt, gerade noch eben so, dass es nicht unsittlich erscheint, versuche ich, ans Skifahren zu denken. Ganz locker in den Knien bleiben. Nicht die falschen Muskeln anspannen. In die Kurve legen. Nicht an die Geschwindigkeit denken. Die Geschwindigkeit genießen, den Wind, die Windtränen. Trotzdem dauert es lange, bis wir an einem Ort mit Holzhäusern auf Holzstangen und Fischreusen vor den Türen, einem flachen Boot aus blauem und grünem Holz mit Außenbootmotor angekommen sind. Gefährt wechseln.&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;Nun in einem Boot durch die Landschaft der Bücher und allerliebster Vorstellungswelten rasen. Vom Bug geteiltes Rotes und schwarzes Wasser, wie Jod, weiße Fischleiber. Weiße Sonne über den Rändern des Flusses: Moor und Palmen, stumm, hier bewegt sich nichts mehr, das Ufer schließt sich für eine der endlosen Fahrten von Lord Jim. Dann bricht das Bild: an einem Anlegesteg neben einem kleinen Wagon steht ein weißes Mädchen mit einem englischen Haarknoten und unfasslicher Weise ockerfarben lackierten Fußnägeln. Sie spricht fließendes Indonesisch mit Csicsu und Tejo und wird sofort, noch ohne konkreten Anhaltspunkt, Gegenstand tiefsten Neides. Dieses Auftauchen im Nichts, als gerade alles gleichzeitig in Fremde und unheimliche Vertrautheit zu versinken begann, und dann auch noch so adrett, ohne sichtbare von den Tropen davongetragene Macke – wie der schon halb wahnsinnige Almayer am Flussrand, ein an einer Seilwinde emporgehobenes Pony entgegennehmend –, Rosalie.&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;&lt;span&gt; &lt;/span&gt;Rosalie verfrachtet, schäkernd! mit Csicsu, uns und unsere Rucksäcke auf den Wagon, der nun, auf einem eingleisigen Bähnchen, durch das Moor zu rattern beginnt bis zum Camp. Ein Camp aus Holzbohlen und Holzhäusern, unterteilt in kleine offene Räume mit Moskitonetzen und bunten Sarongs an den Wänden. Bücher und Gummistiefel liegen auf den Veranden herum, offene Zigarettenschachteln und halbleere Gläser mit kaltem Tee. Hier sind sie nun, die Verrückten. Orang-Utan-Forscher, Gibbonforscher, Anthropologen und Saatgutspezialisten, keiner älter als 30, alle mit Dreck unter den Fußsohlen, alle mit weiten Hosen mit vielen Taschen, mit Körpern, die schnell auf Bäume klettern und stundenlang in gebückter Haltung durch den Busch laufen können. Aus England, aus Spanien, aus Indonesien. Sie haben Klemmbretter mit Tabellen, wer wo wann was gefressen hat, sie wissen, wer gemeint ist, wenn von Gruppe Ninja, Gruppe Karate und Gruppe C die Rede ist. Sie reden über Kamerafallen für Wildkatzen und über Schmetterlingsmarkierungen in Andalusien – Filzstiftmarkierungen auf den vanillegelben oder rotverbrämten Flügeln, mit dem GPS-Gerät registriert, nach einer Woche sind sie tot, die Schmetterlinge, aber glücklich festgehalten für die kleine Dauer ihrer Lebenszeit &lt;span&gt; &lt;/span&gt;–, sie rauchen selbst gedrehte Zigaretten und können etwas auswendig auf der Gitarre spielen. Ihre Arbeitszeit beginnt morgens um halb vier oder halb fünf, wenn die Orang-Utans noch in ihren selbstgebauten Nestern schlafen und die Gibbons anfangen, in die Nacht hinein zu rufen und ihre Reviere zu markieren. Sie stehen leise auf unter den Moskitonetzen, binden sich ihre Messer und ihre Kopflampen um, ziehen sich ihre Turnschuhe und Gummistiefel an, packen Reis und warmes Gemüse, die bei einer einsam leuchtenden Kerze in der Küche in großen Messingtöpfen bereitstehen, in Tupperwaredosen und gehen hinaus in die Nacht. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Und so machen wir uns mit Bernardo, dem „Gibbons guy“ aus Barcelona, um 4:30 Uhr auf den Weg. Die Sterne stehen über dem Wald, die Affen singen und ich weiß nun, wie man nachts im Wald keine Angst bekommt. Man rennt. Bernardo rennt los, unvermittelt, mitten in den Regenwald hinein, über Wurzeln so hoch und so dick wie ein Bein, über sumpfigen Untergrund, über Baumstämme, mitten hinein ins Dunkle und in die Rufe tausender fremder Kehlen. Aber die höre ich nicht, denn ich haste, stolpere, renne, falle über die Wurzeln, die Baumstämme, die Schlingpflanzen. Ich falle hin, ich stehe wieder auf und renne weiter, das Krachen und Ächzen meiner Schritte, dem irrlichterhaften Schimmer von Bernardos Kopflampe hinterher. Meine eigene zeichnet irre Muster auf den Weg, ein Mal gerät eine große Spinne in den Lichtkegel, dann ein Tausendfüßler, aber immer nur kurz, schon sind sie wieder im Stockdunkel verschluckt und man selber weiter gerannt. Hinter mir rennt der Italiener, ich frage mich kurz, ob er über die gleichen Wurzeln fällt, wie ich, dahinter wiederum Csicsu und Tejo, von ihnen weiß ich, dass sie nicht fallen.&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;Denn sie sind mit uns am Nachmittag vorher das erste Mal in den Wald gegangen, haben uns die Bäume gezeigt, um die es in den Kampagnen der Umweltschutzorganisationen und den Zahlenkolonnen der Holzimporteure geht, Bäume, deren Stämme sich irgendwann hoch oben im Grün verlieren. Wir haben auf den Schienen des Bähnchens gehockt und eine Horde Makan-Affen beim Überqueren der Gleise beobachtet, und Tejo hat mit seinem Buschmesser – einem Buschmesser! einem echten Buschmesser! so viele Bücher können es doch nicht gewesen sein, in denen es um Dschungel auf Borneo ging – eine Liane – eine Liane! -&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;aufgeschnitten und uns das darin gespeicherte Wasser in den Mund rinnen lassen. Csicsu und Tejo stolpern nicht und schwitzen nicht und Bernardo tut es auch nicht. Als es hell wird, nach etwa einer halben Stunde dieses frenetischen Laufes, halten wir das erste Mal inne, der Italiener und ich am Ende unserer Kräfte, verschwitzt, verdreckt, schwer atmend, die anderen drei mit einem kleinen Gähnen. Wir setzten und das erste Mal auf die Baumstümpfe und Bernardo lauscht hinein in den Wald. Man hört die Gibbons rufen, ein mehrstimmiges Ulululele, aber das ist nicht die Gruppe, der Bernardo heute folgen will. Wir warten eine Weile, eine halbe Stunde lang, dann geht es langsamer weiter. Stundenlang. Der Wald verwandelt sich in einen Wald, den ich erkenne, Busch, Baum, Grün, er wird still, und Sonnenlicht bricht schräg ein, goldgestreifte Stämme, hoch oben. Kaum merkt man unten, wie sich oben das Licht ändert. Und ich laufe und schaue, und verliere mein Wahrnehmungsvermögen und vergesse mich, wie beim Hören von klassischer Musik. Wieder halten wir irgendwo inne. Das Licht hat sich schon wieder verwandelt, wie spät mag es wohl sein, die Stimmen werden leiser. Weiterlaufen. Der Italiener examiniert Pilze und macht Fotos von fleischfressenden Pflanzen, er probiert Baumrinde und packt Wurzeln in seinen Rucksack, ich kann mich nur voranschleppen durch das unaufhörliche und immer dickere Grün, ich kann mir nichts richtig ankucken und kriege nur wenig Luft, als seien Augen und Lunge von der Feuchtigkeit wie Fensterscheiben beschlagen, und doch ist es eine glückliche Selbstversunkenheit, eben wie beim Hören von klassischer Musik, wo ich dann nicht mitkriege, dass ein neuer Satz angefangen hat. &lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/9751/Indonesia/30-September-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Mon, 1 Oct 2007 22:27:00 GMT</pubDate>
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    <item>
      <title>27. September 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;In den letzten Tagen musste ich oft an Ryszard Kapuscinski denken, den dieses Jahr verstorbenen polnischen Reporter und Reiseschriftsteller. Dabei habe ich kaum etwas gelesen, sondern ihn nur im letzen Herbst auf einer Lesung in Rom gehört. Sonntagmorgen im Cinema Farnesina; er hatte bei übersteuertem Mikrophon Gedichte vorgetragen, die anschließend von schlecht gelaunten italienischen Eventchargen mit grünen Schals um den Hals bei nicht weniger übersteuertem Mikrophon in der Übersetzung gelesen wurden. Kein guter Morgen. Erst als es an die Fragerunde kam, begann ein großer alter Mann aufzuleuchten. Wie bescheiden und differenziert er über seine Reisen sprechen konnte und über die Menschen, die er getroffen hat, ohne ins Anekdotenrasseln zu geraten und doch mit ganz feinem Witz. Der Saal wurde still. Ein großer alter Mann erzählte. Und strahlte. Und sagte, dass er sich eigentlich nie getraut hätte, die Leute in den vielen Ländern etwas direkt zu fragen. Das sei ihm unhöflich erschienen und er habe immer lieber gewartet, bis sie ihm selbst erzählt hätten, was sie ihm hätten erzählen wollen, auch wenn das manchmal sehr lange gedauert habe. Er hatte von den Lichtern einer Stadt erzählt, von den Vorzimmern in Präsidentenpalästen, von den verschiedenen Methoden, eine Reportage anzugehen. Ganz ergriffen von der klugen und wachen Zärtlichkeit, die den ganzen Mann umgab, war ich nach Hause geschlichen, mir in Gedanken und dann vorsichtshalber auch noch auf Papier alles ins Stammbuch für Lebensweisheiten eintragend. Und nun fällt es mir wieder ein. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Wenn ich an der Tür einmal kurz Luft hole und für die geballte Aufmerksamkeit wappne, die jeder Auftritt auf der Straße mit sich bringt. Der freundliche Wachmann unten im Hochhaus hat es schon gemerkt und macht aufmunternde Komplimente, sobald er mich sieht. Jeden Tag probieren wir einzelne Wörter und Gesten aneinander aus, manchmal klappt es, manchmal nicht, dann lächeln wir beide schuldbewusst und tun abends so, als sei nichts gewesen. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Wenn ich mich an einem Nasi Goreng–Stand probehalber als Journalistin ausgebe und von einem irgendwie plietsch aussehenden Robert gefragt werde: „Spiegel?“ und ich eine Handbewegung mache, die ein einigermaßen niedrigeres Level andeutet. Er rückt trotzdem näher, schreibt mir wichtig seine verschiedenen Nummern auf und sagt, er könne mir Geschichten erzählen über „Indonesian law“, die mir die Haare zu Berge stehen lassen würden. Er sei nur „doctor for old people“, aber ich würde schon sehen, was er alles wisse. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Wenn ich beim immer noch aufrecht erhaltenem ziellosen Herumspazieren plötzlich auf einem Friedhof stehe. Kaum ist zu erkennen, wo der plötzlich zwischen den Hochhäusern mit Namen wie Rasuna Taman und Puri Casablanca und The Grove her gekommen ist. Die ganze Stadt ist so unübersichtlich, so wenig in Viertel oder Einkommenszonen aufgeteilt, dass jedes Wiedererkennen von was auch immer ein kleines Erschrecken ist. Der Friedhof fängt ganz plötzlich an, hinter ein paar kleinen Nasi-Goreng und Padang- und Kokosmilchbuden, die bewegungslos im Mittagslicht liegen. Ein paar Motorradtaxifahrer genauso reglos daneben im&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;Schatten. Ein Schritt über den Kantstein in den Friedhof hinein. Rust zacht lieve/ Moeder en Oma/ Emma Rarenlewan Montolalu. *Gombong 4. April 1915 † Jakarta 8. Mei 1993. Daneben Binsar Bonifancius Hutabarat 1931-82. Was für Namen. Namen, in denen alles durcheinander geht, was des indonesischen Weges gekommen ist: Holländer und Christen vor allem. Namen auf verrotteten Gräbern, die kreuz und quer gehen und nur aus von der Hitze gesprungenen Erdhügeln und kleinen steinernen Ummauerungen bestehen. Magere Hühnchen von den Hütten nebenan waten mit mir herum, Gras wächst gelb und grau, Unrat liegt herum, Aschehaufen von verbranntem Müll. Die babyblauen und rosa Plastiktulpen auf dem Grab von Yames Hutefea, gestorben 2006, sind der einzige Schmuck. Da erst bemerke ich, dass ich mich in der Christenecke eines viel größeren Areals befinde; der Friedhof windet sich dort entlang, wo er Platz findet, die Hochhäuser schauen von oben, die Essensstände und Hütten des &lt;i&gt;kampong&lt;/i&gt; auf Augenhöhe, die Toten bewacht von der Stadt. Plötzlich stehe ich an einer der Höllenstraßen mit gefühlten tausend Spuren und ein Taxifahrer winkt. Ich gehe weiter, nun durch den arabischen Teil, erneut alles kreuz und quer durcheinander, aber die Gräber der Araber von &lt;i&gt;bin&lt;/i&gt; und &lt;i&gt;bint&lt;/i&gt; sind ordentlicher, auch die Vegetation, in hellorange und dunkelgrün, traut sich was und man kann nur in ungefährer Himmelsrichtung über die Gräber balancieren. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Wenn ich ungläubig angesehen werde, wenn ich eine Auskunft über Busrouten oder Wegstrecken zu bekommen versuche und nur die Antwort „Taksi“ erhalte. Denn eine Weiße geht nicht zu Fuß und eine Weiße fährt nicht mit den Öffentlichen, eine Weiße fährt im Auto. &lt;span&gt;Wofür muss die also Busfahrpläne wissen. The citizens of Kuala Hantu watched him go by. Workless Malays in worn white trousers squatted on the low wall of the public fountain and discussed him. &lt;/span&gt;‘He walks to School. He has no car. Yet he is rich.’ ‚He saves money to be richer still. He will go back to England with full pockets and do no more work.’ ‘That is wise enough. &lt;span&gt;He is no banana-eating child.’  &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;&lt;span&gt;The two old hajis who sat next the door of the coffeeshop spoke together. ‘The horn-bill pairs with his own kind, and so does the sparrow. The white man will say it is not seemly for him to walk to work like a labourer.’ ‘His heart is not swollen. Enter a goat’s pen bleating, enter a buffalo’s stall bellowing. He believes so. He would be like the ordinary people.’ ‘That I will believe when cat have horns.’ &lt;/span&gt;(Anthony Burgess, The Malayan Trilogy)&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;&lt;span&gt; &lt;/span&gt;&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p /&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/9750/Indonesia/27-September-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Mon, 1 Oct 2007 22:26:00 GMT</pubDate>
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    <item>
      <title>23. September 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Zunächst war ich stolz gewesen, an der Seite von Titis, einer der Volunteers, durch das Viertel am Pulomas Barat zu gehen. Ich hielt zwar das Wörterbuch in der Hand und wir wollten nur kurz an einem der kleinen Stände etwas fürs Abendessen kaufen, aber es bedeutete doch offensichtlich, dass ich nicht einfach nur eine sich verlaufen habende Touristin sei, sondern Einheimische kenne und mit ihnen in der Abenddämmerung nach Ende des Ramadan unterwegs wäre, wie alle anderen auch. Es stellte die ersehnte kleine Überquerung der Grenze dar, die die immer wie in einer Blase sich bewegenden Touristen -&lt;span&gt;  &lt;/span&gt;abgeschlossen durch aufgefaltete Stadtpläne, dicke Turnschuhe und Sprachunkenntnisse – von den anderen trennt, von denen, die in diesen Straßen einen Ort haben, sich auskennen. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Aber so war es natürlich nicht. Die Aufmerksamkeit hatte sich nicht, wie ich mir, huldvoll nach allen Seiten lächelnd, einredete, zum Willkommen heißenden Angestarrtwerden verwandelt. Es blieb das Anstarren meiner weißen Haut, und erst nach einer Weile merkte ich, wie unangenehm das für Titis war. „You got a lot of fans out here“, sagt sie, als die Aufmerksamkeit der in den Hauseingängen Sitzenden und der bei unserem Vorbeigehen ihre Spiele unterbrechenden Kinder uns wie eine dichte Wolke umgab und nicht mehr zu ignorieren war. A lot of fans. Das ist es leider auch nicht. Es ist die beiden Seiten jedes Mal wieder aufs Neue schlagartig bewusst werdende Erkenntnis, mit etwas anscheinend völlig Fremdem konfrontiert zu werden, und jedes Mal wieder und innerhalb eines Sekundenbruchteils entscheiden zu müssen, wie damit umzugehen sei. Lächeln, ausdruckslos bleiben, hello mister, grüßen, nicht grüßen, den Nachbarn bescheid geben, ins Haus hinein rufen, starren. Und: lächeln, ausdrucklos bleiben, hinter der Sonnenbrille verstecken, grüßen – salam aleikum, selamat malang -, nicht grüßen, Kopf hoch, Kopf runter, ignorieren, lachen. Gar nicht so einfach, wenn man nicht kapiert, was an einem selbst so besonders sein soll, dass die ganze Straße innehält und sich gleichzeitig nur mit Mühe davon abhält, die anderen hemmungslos anzustarren. Eigentlich eine schöne Ausgangslage: Ins gegenseitige Anstaunen vertieft sein. Wenn damit nicht die offensichtliche Notwendigkeit einer Entscheidung einhergehen würde, die Notwendigkeit, sich sogleich verhalten zu müssen.&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Auf dem ersten Wochenendausflug nach Labuan, nach Carita, an der Westküste von Java, kommen Sergio und ich aus dem Reden darüber kaum heraus. Es ist die Hauptherausforderung nach der Busfahrt bei offenen Türen durch Stau, Geschrei und Reisfelder, an allen Ansichten vorbei, die ich gerne haben wollte (Sümpfe, Hügel, Palmen- und Bambuswälder, Mangobäume, Melonenstände), bis nach Labuan. Hier stürmt eine Horde den Bus und während Sergio gerührt noch was von netten Schulkindern sagt, die offensichtlich nach Hause wollen, begreifen wir, dass sie uns meinen: die Motorradtaxi- und Kleinbusfahrer, die uns nach Carita bringen wollen. Carita, Carita, jubeln sie uns ins Ohr und greifen nach unseren Oberarmen. Carita, Carita: wie der Name einer Urlaubsliebe, geschmettert im Refrain des albernen Sommerhits einer Saison. Carita, Carita, schon sind wir alarmiert. Es ist die Einleitung zu jener berühmten Touristengeschichte, jene alte Geschichte vom wandelnden Bankomat: belagert von Uhrenverkäufern im Bus, versuchsweise betrogen vom Ticketverkäufer, belagert und versuchsweise betrogen von den Kleinbusfahrern, schließlich am doch noch erreichten Strand verfolgt von Masseusen und Obstverkäuferinnen. Jene Geschichte also, die die Empörten sich so gerne erzählen, mit landesspezifischen Variationen und immer gleich langweilig. In Wahrheit bin ich ja auch schwer empört, schlimmer noch: im tiefsten Menschsein gekränkt, dass mich da tatsächlich jemand betrügen wollte; und vielleicht ist es das Bewusstsein für die Langeweile mehr noch als die Unangemessenheit solcher Geschichten, die das Weitersuchen herausfordern nach dem, was hinter dem so irritierenden Einbruch in die räumliche Distanzzone des „Nein, danke“ liegt. Nein danke: keine Uhr, kein Handtuch, keine in Plastik eingeschweißten Koransprüche, kein Käppi, keine Ramadansüßigkeiten, kein Wasser, keine Eier, keine Cracker, kein Motorrad. „Nein, danke“ als irgendwie anerzogenes und nun immer gleich artikuliertes Distanzschaffen, gepaart mit der ähnlich internalisierten Sparsamkeit und Bescheidenheit, man könne und solle schließlich nicht alles kaufen, was einem unter die Nase gehalten wird. „Nein, danke“ als der Entschluss, sich dem Stress nicht aussetzen zu wollen, den ein Ja-Sagen mit sich brächte. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Am leeren Strand unter Palmen, vor uns der flachen und grauen indischen Ozean, der mit aus Holz konstruierten Fischerinseln wie mit Hütchen besetzt ist, schlage ich Sergio vor, dass wir nun einfach alles kaufen und alles mitmachen, was uns angeboten werde. Mit diesem drögen und spielverderberischen „Nein, danke“ machen wir, das ist offensichtlich, auf die Dauer weder uns noch die anderen glücklich. Zu dem Zeitpunkt sind der Ausgestopfte-Reptilien-Verkäufer und der Tätowierer und die Saronghändlerinnen schon vorbei, aber die Obstverkäuferinnen und die Masseusen und die Männer mit den Wellenreiterbrettern kommen wieder. Auf so einem Wellenbrett die Kraft des Wassers am eigenen Körper austesten, sich an den Strand treiben und von der Strömung wieder zurückziehen lassen, die Beine über die kleinen Muscheln und den Sand gezerrt fühlen, von großen Wellen überschüttet und dann wieder von kleinen Wellen umschmeichelt werden und über dieses reflexartige „Nein, danke“ nachdenken. Als könne man auch hier mir nichts dir nichts markieren, was man damit zu markieren gewöhnt ist: das Bedürfnis, in Ruhe gelassen zu werden. Salzwasser und Sonne über meinem Schädel: Wie albern ist das denn, bitteschön. In Ruhe gelassen werden kann ich in der Ossastraße 44 in Berlin, hier ist die Vorstellung von meiner Ruhe eine andere. Und die hat mit Obst kaufen und massiert werden zu tun. Also kaufe ich Ananas von einer uralten Frau mit gläsernen Augen, wir verhandeln ein bisschen pro forma, dann hat sie einen Preis, der ihr für mich angemessen erscheint und ich einen Preis, der für deutsche Verhältnisse gering ist, und wir finden beide, dass wir einen guten Deal gemacht haben. Und dann lasse ich mich massieren von zwei jungen Frauen, Rati und Ersi, denen ich vorher zweimal gesagt hatte, ich würde lesen und nicht massiert werden wollen. „Massage when book finished?“, hat Rati gefragt, auf mein halb gelesenes Alice Munro Paperback gedeutet und dann im Schatten geduldig gewartet. Lesen, um nicht massiert zu werden? Wie albern ist das denn, bitteschön. Ich verhandele ein bisschen pro forma, weil man das vielleicht immer so macht. Aber sie lassen sich nicht darauf ein, beharren auf ihrem niedrigen Preis und so transformiere ich schnell, um es wieder gut zu machen, Sergio zu meinem missgünstigen Ehemann, von dem ich das Geld erst erbitten muss. Eine Stunde lang massieren sie mich dann im Schatten am Strand, und fast noch schöner als das Gefühl des langsam sich entspannenden Körpers ist ihr leises Reden und Lachen über meinen Kopf hinweg. Ersie ist 28 und hat zwei vier und sieben Jahre alte Söhne, Rati 31 und hat ebenfalls ein Kind. Dass ich keine Kinder habe, können sie nicht verstehen, und erst als ich entschuldigend auf den missgünstigen Gatten deute, der stur in sein Buch vertieft ist, lachen sie und streicheln mir über den Kopf. Die Kinder sind bei Ersies Mutter, ihr Mann arbeitet auch, als Wellenbrettvermieter und Motorbootfahrer, aber die Saison sei nicht gut, „You, Jani, today first business“. Tatsächlich ist der Strand leer, nur zwei weiße Pärchen, sich alle an den Händen haltend und nicht nach rechts und links schauend, waren gemeinsam ins Meer gestapft und gemeinsam wieder heraus und dann verschwunden. Die Mädchen reden und lachen, andere hocken sich kurz mit ihren Körben oder um den Kopf geschlungenen Massagetüchern dazu, auch jenen Singsang muss ich schon gekannt haben, aus dem Wohnzimmer heraus, wenn Licht durch die Türe fällt und die Erwachsenen noch reden, während man selbst schon im Bett liegt und schlafen soll. Ich merke, dass sie mich ein bisschen bemitleiden: wegen Sergio, wegen der Kinderlosigkeit, wegen meiner Unselbständigkeit in Gelddingen und, ein wenig allgemeiner, weil wir als Wochenendpärchen aus Jakarta hier nur so vorbeikommen, nichts richtig mitkriegen, nichts richtig verstehen können. Ich wiederum weiß, dass das nicht alles die richtigen Prämissen sind und bin doch, als wir nach der Massage noch ein bisschen im Sand sitzen und ein ganz Weniges reden, als sie dann nebeneinander her pendelnd langsam über den Strand davon gehen, noch einmal winken, immer kleiner werden und schließlich verschwinden, irgendwie erleichtert, im Körper ohnehin, aber noch darüber hinaus, glücklich, als sei etwas gelungen. &lt;span&gt; &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/9488/Indonesia/23-September-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Mon, 24 Sep 2007 17:53:00 GMT</pubDate>
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    <item>
      <title>20. September 2007</title>
      <description>&lt;p /&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Sergio und ich haben eine Wohnung. Nicht mehr das Zimmer der ersten Nacht in einer Art Jungendherberge (haben sie das Schild Youth Hostel nicht vielleicht ganz alleine über dem Eingang angebracht), das zum Gang hin offen war und in dem ein randalierender Ventilator die Ankunft in den Tropen verkündete und wo im Atrium eine Wasserschildkröte bewegungslos durch die Scheiben ihres Aquariums blickte. Nicht mehr das Zimmer der zweiten und dritten Nacht im Cemara-Hotel: einer Art alternativen Tagungsort mit Holz und Kunst in allen Stockwerken, in dessen Atrium wiederum ein hoffnungsvolles Erfurter Künstlerduo namens &lt;i&gt;Nuttenkinder&lt;/i&gt; verschwommene „Küsse“ ausstellte. Nicht das Zimmer der dritten, vierten, fünften und sechsten Nacht im Haus am Pulomas Barat IX, dessen riesige Halle schon die ausgerollten Schlafsäcke der Aktivisten erahnen ließ und dessen Nachbarn mit einer so an &lt;i&gt;Täglich grüßt das Murmeltier&lt;/i&gt; gemahnenden Regelmäßigkeit ihren morgendlichen Verrichtungen nachgingen, dass Sergio ohne auf die Uhr zu kucken „Und jetzt schreit gleich das Baby, es muss halb sieben sein“ sagte. Sourch.18, Rasuna, Kuningan, Hdp., Saharjo, 1km, 49m², Lt.29, Baru, 2AC, Furnish. stand in der Anzeige im &lt;i&gt;Kompas&lt;/i&gt; von Jumat, 14 September 2007. Außer Furnish und 49m² waren und sind alles unbekannte Chiffren, aber dass es nicht groß sei, müsse heißen, dass es nicht so teuer sein könne, so unsere erste Überlegung, und zweitens haben wir Kuningan als einen der wenigen Stadtteile ausgemacht, in dem wir unsere Arbeitsorte innerhalb einer Stunde erreichen könnten. Tower 18 ist gerade fertig geworden, das heißt: fast. Im Haus wischt und bohrt und bohnert es, und auf dem Weg nach unten teile ich mit 14 verschwitzten indonesischen Bauarbeitern den Aufzug, die mich missbilligend anlächeln, auf den abgesprungenen Knopf von Sergios Oberhemd kucken und passenger elevator murmeln. Maaf banyak, sage ich, Entschuldigung viel.&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Mittlerweile wissen wir, dass Rasuna eine ganz neu für die indonesische Uppermiddleclass entstehende Hochhaussiedlung ist, mit integriertem Wachpersonal und Einkaufsmall, also das, wo wir bestimmt niemals je hinziehen würden. Aber Lt. 29 heißt 29. Stockwerk und 29. Stockwerk heißt von Tisch und Bett aus einen Blick über tausende rote Dächer, heißt der über der Stadt anschwellende Gesang der Muezzine bis hierher zu mir an den Glastisch, an dem ich bei offenen Balkontüren schreibe. Furnish sind rosa Plastikblumen in geblümten Vasen, ein dazu passendes Sofa, geraffte Himmelbettgardinen an den Fenstern und zwei Kochplatten, Kacheln auf dem Fußboden und ein ernstzunehmender Couchtisch. Irgendwas von den anderen Kürzeln heißt, dass man bis zur nächsten Busstation quer durch die Siedlung laufen muss, dass es außer dem seltsam leeren Mall mit Handtaschenläden und ranzigen Nasi-Goreng-Vitrinen keine Einkaufsmöglichkeiten gibt und dass der angrenzende Stadtteil mit einem soliden Stacheldraht uns vom Leib gehalten wird. Ein Fort der Moderne, das auf der einen Seite begrenzt ist von einer Mauer, auf der anderen von einem Fluss, dessen Ufer dicht mit Bambus bestanden sind und dessen einziger Eingang von einer Polizeistation bewacht ist, an dem die Kofferräume der Autos aufgemacht werden und Uniformierte mit Spiegeln um die Wagen herumgehen. All das ist allerdings nur halb ernst gemeint, da man zwar keine Bombe im Kofferraum transportieren, aber ein Maschinengewehr auf den Knien halten könnte, auch darf jeder in den Hotelturmblock hinein und die anfangs zu intim erscheinende Frage 'Where are you going?' ist ein auch auf der Straße artikulierter indonesischer Gruß für ausländisch Aussehende. Ich sage also djalang-djalang, spazieren, oder pulang, nach Hause, und verschwinde trotz allem auf die Straße. &lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font size="3"&gt;&lt;font face="Times New Roman"&gt;Nach ein paar ebenfalls im Konstruktionszustand befindlichen Tennisplätzen und einem verlassenen Markt treffe ich auf die kleinen Buden des Straßenlebens, die, wie fast überall, während des Ramadans mit Rücksicht auf die den Tag über Fastenden verhängt sind. Ich betrete ein Padang-Restaurant, das geöffnet aussieht und indem zwei Mädchen Kartons für das Take-away zusammen tackern. Aus einer Fliegen umschwärmten Vitrine wähle ich bekannte und unbekannte Farben und Formen, setze mich an einen der von kleinen Katzen umlagerten Tische, wasche mir die rechte Hand in dem dafür bereit gestellten Schüsselchen und fange an zu essen. Anda dari mana?, woher kommst du, fragt mich ein Mann, der mit seiner Frau bei den Kartons tackernden Mädchen sitzt. Jerman, sage ich mit fettigen Fingern. Und da strahlt Flora D. Nainggolan. Flora spricht deutsch. Denn sie hat 1980 in Wien eine Friseurausbildung gemacht und im 19. Bezirk bei einem Anwalt gewohnt, in der Peter-Jordan-Straße. Einmal mehr schafft mir mein österreichischer Vater Freunde. Ich erzähle ihr, dass meine Tante dort ganz in der Nähe wohnt, im 18. Bezirk. Ob sie den Türkenschanzpark noch erinnere? Unter staubigen Zeltplanen, umgeben von Katzen und Fliegen in Central Jakarta lassen wir Wien auferstehen und dabei bin ich so konzentriert, dass ich nicht richtig mitkriege, was ich esse: ist das etwa Zunge, das schwarze, gummiartige? &lt;span&gt; &lt;/span&gt;Flora D. Naiggolan lächelt und sagt, dass sie gerne wieder einmal nach Wien fahren würde, sie sei nun schon seit 27 Jahren wieder in Java und habe seitdem kein Deutsch mehr gesprochen. Sie will wissen, wo wir wohnen („im Tower 18? Wird der nicht noch gebaut?“) und  wie viel Miete wir bezahlen und wie die Wohnung ausgestattet ist: Waschmaschine, Kühlschrank? Ich kaue auf der Zunge herum und versuche, souverän zu antworten. Dann legt sie ihre Visitenkarte auf den Holztisch: Flora D. Nainggolan. Marketing. Blessing Hills Family Resort, Java Timur. Ich solle sie anrufen, wenn ich Hilfe brauche oder mal nach Ost-Java käme. Dann steht sie im Eingang, den Vorhang in der Hand, ihr Mann kommt im silbernen Toyota-Van vorgefahren: „Viel – “ , sagt sie und hält inne, „viel – “. Glück?, schlage ich in eigenem Interesse vor, Spaß, Gesundheit, Freude? „Spaß“, sagt sie, „Spaß, das war es“. Und ist verschwunden. &lt;span&gt; &lt;/span&gt;&lt;/font&gt;&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p /&gt;&lt;p /&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/9375/Indonesia/20-September-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Thu, 20 Sep 2007 21:13:00 GMT</pubDate>
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    <item>
      <title>19. September 2007</title>
      <description>&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Nach einer Woche dominiert noch immer die physische Überwältigung vor jedem anderen Eindruck, und ich frage mich, warum ich eigentlich so wenig aushalte. Sind die 30° Hitze und 54% tropische Luftfeuchtigkeit, deren Konsistenz und Konstanz ich jeden Tag in der &lt;i&gt;Jakarta Post&lt;/i&gt; studiere, für einen mitteleuropäischen Organismus wirklich kaum zu verkraften. Nein, das ist es nicht, ich muss ja nur an norddeutsche Winter denken, um meinen Ärger über die mitgeschleppten Pullover reinsten Herzens zu genießen. Vielleicht ist es also zuallererst der Verkehr, der mittelalterlichen Höllendarstellungen in seiner grauenerregenden Dimension so nahe kommt, dass mir der Linksverkehr zuerst überhaupt nicht auffiel. Wehmütig erinnere ich mich an launige Urlaubsbeschreibungen aus Italien, dass – Madonna, che traffico! - der Verkehr in Rom oder Neapel so wüst sei. Anfänger sind sie, die Italiener, Dilettanten gegen das, was hier auf den Straßen unterwegs ist. Aus dem Taxifenster heraus studiere ich die Termitenschwaden der Motorradfahrer, die sich schwarz um die Autos herumballen, entweder bis zu den Augen vermummt oder schutzlos dem Inferno ausgeliefert, so wie die kleinen Mädchen und Jungen, die vor und hinter ihren Vätern auf den Maschinen sitzen und deren zarte nackte Beine im Scheinwerferlicht der nachfolgenden Maschinen herunterbaumeln. Ganze Familien sitzen so hintereinander auf dem Motorrad, die Kinder klammern sich an die Schultern des Vaters oder ans Lenkrad, ein Mädchen trägt einen Computer und hält sich an ihrem Freund fest, Tüten und Taschen hängen an allen Seiten herunter. Wenn der Verkehr zu dicht wird und selbst die Motorradfahrer nicht mehr durchkommen, dann brechen sie aus auf den Gehsteig, dann fahren sie die Fußgängerüberführungen hinauf und überqueren die Straße im Nachthimmel. Auf der Straße bleiben die großen metallisch funkelnden Toyota-Vans: das Auto derer, die sich mehr als ein Motorrad leisten können. Sie schieben sich als eine Kolonne mit verspiegelten Scheiben voran, in der man kein einziges Gesicht erkennt. Eine Bettlerin mit grauen Haaren und Dreiviertelhosen schlurft an den an einer Ampel röhrenden und transpirierenden Kolonnen vorbei, sie hält die Hand ausgestreckt und den Kopf gesenkt, und nun erst kann man die wahre Größe der Maschinen erkennen, denn ihr Kopf reicht nicht mal an den unteren Fensterrand. Niemand sieht sie und sie sieht niemanden, auch wenn sie manchmal auf Verdacht vor einem der dunklen Fenster stehen bleibt. Und sonst gibt es nichts: Motorräder, die Toyotamaschinen, arme Fußgänger. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Und zu Fuß gehen ist, das lerne ich nur sehr langsam, weil ich es nicht lernen will, schier unmöglich. Es ist nicht vorgesehen und auch nicht möglich, weil es dem Körper buchstäblich zu viel abverlangt. Vielleicht ähnlich dem gelblich verblichenen Rasenstreifen neben einer Flugzeuglandebahn, vermittelt einem der Gehsteig sofort das Gefühl, dass man hier nicht richtig ist. Der Verkehr, für den ich ganz neue Geräuschadjektive erfinden will, rast einem entgegen oder in den Rücken, dazu die sich aus dem Verkehr herauslösenden Motorradfahrer und die vollkommen unvermittelt sich im Beton auftuenden Löcher, die einen direkt nach unten in eine von schwimmenden Plastiktüten und Müllsäcken und Ratten bevölkerte Kloake befördern würden. Natürlich glaubt man nicht wirklich, dass man da hineinfällt. Natürlich glaubt man nicht wirklich, dass man ausgerechnet in Jakarta überfahren wird. Aber die permanent von allen Seiten demonstrierte Möglichkeit des einen und des anderen, ergänzt von den kondensierten Massen übelster Luft und dem unaufhörlichen Krach, verüben eine Gewalttätigkeit an dem ans Flanieren und Spazieren gewöhnten Körper, mit der ich erst noch umgehen lernen muss. Es ist ein buchstäbliches nicht zu Atem kommen, sobald man draußen und auf der Straße ist, die Lunge schmerzt nach einer halben Stunde Fußweg und die Sonne dümpelt hinter den Hochhäusern als eine trübe Apfelsine hinter Schwaden des Smog. Man winkt also immerfort ein Taxi heran, sagt die Adresse, sagt den Stadtteil, sagt die ungefähre Richtung und schaut dann zu, wie auch das Taxt versinkt im kilometerweit sich spiegelnden Blechmeer, eine glühende Eisfläche. Mit roten Stiefeln darüber zu spazieren wie eine Kinderbuchprinzessin, ja, das wär’s. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p&gt;&lt;font face="Times New Roman" size="3"&gt;Auf der Fahrt nach Kota, der verblichenen Halde des alten Batavia, erleben wir dann auch den Leibhaftigen in Gestalt einer Busfahrerin. Sie sieht fein aus, mit leicht im Wind wippenden gestuften Haarspitzen, einem dicken rosafarbenen Lippenstift und Augen verborgen hinter verspiegelten Sonnenbrillen. Und dann fährt sie wie der Teufel. Also nicht wie ein normaler europäischer Autofahrer mit Fluchen, mit Gemurmel zwischen den Vorderzähnen, mit ausgestreckten Mittelfingern und heruntergekurbelten Scheiben. Sie bleibt ganz still, ihr Gesicht bewegt sich nicht und kein Laut kommt aus ihrem Mund. Nur am Bus merkt man die Gewalt ihres Lenkens. Wir rumpeln über Absperrungen, starten, landen, stehen im Stau, schneiden, überholen, bremsen aus, starten und landen erneut. Ganz zum Schluss, als der Bus in die Endhaltestelle Kota eingefahren und endgültig zum Stehen gekommen ist, bleibt sie immer noch still sitzen, dann nimmt sie die Sonnenbrille ab, schließt die Augen und lässt sich mit einem ganz kleinen Seufzer nach vorne auf die immer noch das Lenkrad umklammert haltenden weißen Arme sinken. Ich hatte stundenlang Zeit, das Wörterbuch zu studieren und schenke ihr meinen ersten indonesischen Satz: Supir baik Anda. Busfahrer gut du. &lt;/font&gt;&lt;/p&gt;&lt;p /&gt;&lt;p /&gt;</description>
      <link>https://journals.worldnomads.com/janika_gelinek/story/9374/Indonesia/19-September-2007</link>
      <category>Travel</category>
      <category>Indonesia</category>
      <author>janika_gelinek</author>
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      <pubDate>Thu, 20 Sep 2007 21:09:00 GMT</pubDate>
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