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Alltag Alltag in China (Peking - Shihezi, Xinjiang)

Bilanz

CHINA | Friday, 30 December 2011 | Views [236] | Comments [1]

Nach etwas mehr als 10 Monaten in Shihezi, Xinjiang, ist es Zeit Bilanz zu ziehen, eine Gewinn- und Verlustrechnung anzustellen, die Habenseite ins Auge zu fassen und was der Begriffe aus dem Rechnungswesen noch mehr sein mögen. Die schleichen sich vielleicht auch deshalb hier ein, weil vier meiner Studenten ebendies im Hauptfach studierten, «Rechnungswesen» oder «Buchhaltung», ich konnte nie herausfinden, wie «accounting» am besten zu übersetzen wäre.

Fest steht aber, dass die 15 Studenten, deretwegen ich nach Shihezi gekommen war (um ihnen die schöne deutsche Sprache samt all ihren Tücken etwas näher zu bringen und geradezu ans Herz zu legen) allmählich zu meiner grössten Stütze wurden, meiner Kraftquelle und ganzen Freude. Ihr Interesse, ihre Zuneigung und wie sie stets auf mein Wohl bedacht waren, werden mir unvergesslich bleiben.

Klar also, wo ich diese Erfahrung verbuche. Und nehme ich noch jene vielen anderen guten Menschen hinzu, die ich in China kennen lernte – ob näher oder nur flüchtig, sozusagen im Vorbeigehen (wobei darin keine Wertung liegen soll, ist es doch auch so, dass ein Lächeln, ein Fingerzeig oder der «Pinganguo» (Weihnachts- und Friedensapfel), den mir die Inhaberin des Ladens, wo ich immer meinen Schlummertrunk gekauft habe am 24. 12. schenkte … dass diese kleinen herzlichen Gesten einem den ganzen Tag versüssen können) – dann wäre auch dem unbedarftesten Buchhalter des Alltags schon früh klar, dass das Konto «Shihezi 2011» im Plus geschlossen wird.

Vielleicht habe ich überhaupt an Erfahrung gewonnen. Nicht nur als Lehrer, sondern auch persönlich. Ich habe zum Beispiel gelernt, nicht immer alles ganz genau wissen und verstehen zu wollen, mich eher mal ins Unabänderliche zu schicken, und das Unabänderliche war nicht selten das Ungewohnte, mir Unbegreifliche, Fremde («chinesische Logik», sagten meine Studenten dann manchmal, lachten verschmitzt, ich lachte auch, und wir verstanden uns). Dass ich es nicht geschafft habe, innerhalb eines knappen Jahres zum Chinesen zu werden, ist so verständlich wie bedauerlich. Hätte mir das doch in vieler Hinsicht und sicher auch bei manchen Problemen des täglichen Lebens sehr geholfen.

Muss ich die chinesische Esskultur wie sie sich mir in ihrem ganzen Reichtum zeigte noch einmal hier darstellen und würdigen, die unzähligen Imbisse und Restaurants (was für eine Güte in der Breite!) noch einmal erwähnen, daran erinnern, wie die Mahlzeiten noch jeden meiner Tage bereicherten und beglückten? Nein, das muss ich eigentlich nicht, alleine das Essen dürfte Grund genug sein, nach China zurückzukehren.

Es sind allerdings auch Verluste zu beklagen, angefangen bei den Haaren. Wenn man in Wohnungen mit hellen, spiegelnden Steinfussböden wohnt, auf denen jedes einzelne Haar zu sehen ist, das einem auszufallen beliebte und wenn man zudem – denn bei einzelnen Haaren bleibt es ja leider nicht – regelmässig ein ganzes Haarnest zusammenkehren musste, dann fragt man sich schon, wohin das wohl führen wird. Und wird sich auch dadurch kaum beruhigen lassen, dass andererseits ein paar Haare dazugekommen sind; graue nämlich. Wie man überhaupt festhalten muss, dass so ein Arbeitsaufenthalt in China kein Jungbrunnen ist. Man kann hier in einem Jahr gut und gerne drei Jahre älter werden. Oder sagen wir besser: reifer. Das wird wohl auch damit zu tun haben, dass in Shihezi kaum etwas im Alltag einfach war (für mich jedenfalls nicht) und einfach so sein konnte wie in Europa, dass ein Gang zur Post eine Herausforderung und der Kauf einer Fotokamera (ich musste mich leider von meiner geliebten Canon digital IXUS 70 verabschieden) ein Unternehmen ist, das nur mit fachkundiger Hilfe und viel Zeit zu bewerkstelligen ist.

Weitere Verluste: ein Mountainbike, ein Handschuh, einige Vorurteile. Alles in Allem eine sehr gute Bilanz, denke ich.

Comments

1

Hej, Du symphatischer Schreiber, Dein Blog macht Mut, den Sprung von Indien nach Nordchina zu wagen. Ich bereite mich auf (m)einen Lehraufenthalt in Shihezi vor. Vielleicht magst Du mir mehr schreiben?

Allerdings weiß ich nicht, ob ich wirklich die sein werde, die nach Dir an der Uni Deutsch unterrichtet.

Sei freundlich gegrüßt

welcome to Germany

Antje aus berlin

  Antje Hofert Feb 3, 2012 11:07 PM

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